Welche eMedien sind im Kinderbuchbereich sinnvoll?

Gestern stieß ich in der Online-Ausgabe des Börsenblattes auf ein Interview mit Christina Kumpmann über Entwicklungen im digitalen Vertrieb auf dem Kinderbuchmarkt. Sie ist Leiterin Programm und digitaler Vertrieb bei Oetinger. Das Branchenmagazin interviewte sie zum Thema im Vorfeld der Kindermedienkonferenz der Akademie des Deutschen Buchhandels, die am 25. November in München stattfindet. Dort soll den Fragen um Themen- und Lebenswelten von Kindern sowie deren Mediennutzungsverhalten gehen, spezieller die crossmediale Verknüpfung bzw. Entwicklung von neuen, digitalen Produkten.

Genau diese Themen standen also auch im Interview mit Christina Kumpmann. Sie wies auf die speziellen digitalen Angebote bei Oetinger hin, sprach über die Marketingmöglichkeiten im digitalen Zeitalter, deren Einsatz zur Förderung des Absatzes von Kinderbüchern und der Preisgestaltung. Eine Antwort hat mir sehr zu denken gegeben und war letztlich auch der Anlaß für dieses Blogposting:


Börsenblatt: Digitale Produkte stellen andere Ansprüche an die Vermarktung als der Print-Bereich. Was bedeutet das für die Produktkonzeption und Vermarktungsstrategien von Kindermedien?
Christina Kumpmann: In den digitalen Produktwelten eröffnen sich ganz neue Wege der Interaktion mit den Endkunden, etwa durch regelmäßige Updates über Neuerungen und Erweiterungen oder durch besondere Angebote an die Leser. In unserer Kinderbuch App "Wer knuffelt mit Paulchen?" können beispielsweise E-Cards mit Knuffelgrüßen direkt an Freunde und Familie versandt werden. Damit wird zusätzlich Aufmerksamkeit auf unsere Charaktere gelenkt. In dem von Oetinger mit konzipierten digitalen Kinderbuchladen Tigerbooks ist es möglich, dass Kinder ihrem Wunschzettel Titel hinzufügen, so dass Eltern sehen können, was ihr Kind gerne lesen möchte.
Mit E-Cards als neues elektronisches Produkt im Kinderbuchbereich wollen Verlage punkten? E-Cards sind digitale Elemente 2000er Jahre. Damals, als man zu Weihnachten oder zum Geburtstag gräßlich blinkende, unpersönliche elektronische Grüße bekommen hat, wo man beim Öffnen entweder sofort an einen Virus dachte oder enttäuscht über die Unpersönlichkeit war. Schnell war die Zeit der E-Cards vorbei. Und DAS soll heute bei Kindern neu, toll, modern sein? Da kann ich nur den Kopf schütteln.
Ebenso die Geschichte mit dem Wunschzettel. Hier kommt mir ein flaues Gefühl in der Magengegend auf. Warum soll mein Kind, wenn es denn schon könnte, mir über eine Plattform einen elektronischen Wunschzettel schicken, wenn es nicht gleich, direkt zu mir kommen könnte, es mir von Angesicht zu Angesicht erzählen und eben im besten Fall noch gleich zeigen könnte? Das Zauberwort heißt doch miteinander reden, was übrigens Eltern und Kinder im Normalfall tagtäglich tun. Für den Wunschzettel spreche noch solche Faktoren wie kaum persönlichen Kontakt oder weite Entfernung. Wie gesagt ist beides bei Eltern und Kindern nicht gegeben. Eher könnte ich es mir bei den weit entfernten Großeltern vorstellen Aber halt, die haben in der Regel heute noch keinen Computer oder Internetzugang.

Also was sind nun sinnvolle eMedien im Kinderbuchbereich?

Diese Frage drängte sich die ganze Zeit beim Lesen auf. Eine gute Antwort oder einen Hauch davon habe ich nicht gefunden.

Was könnte ich mir darunter vorstellen?

Zunächst ist der Einsatz von eMedien vom Alter der Kinder abhängig. Ich bin zwar schon allein durch meine berufliche Tätigkeit sehr dem Digitalen aufgeschlossen. Aber einem Kleinkind möchte ich ungern ein Tablet geben. Da fehlen ganz eindeutig die haptischen Elemente wie Fühlen unterschiedlicher Stoffe bei den Fühlbüchern, die Geräuscheschieber bei den Bilderbüchern  usw., auf die die Kinder ansprechen. Sie nehmen ihre Umwelt über alle ihre Sinne auf, viel mehr als Erwachsene. Das sehe ich jedes Mal, wenn mein 1,5jähriges Kind ihre Bücher zur Hand nimmt. Sie fühlt sie, sie kaut sie gerne auch mal an ,-), sie hört genau hin! All diese Dinge könnte sie mit einem App oder eBook auf einem Tablet nicht, zumindest nicht in dem Umfang, wie es ihr die Printbücher bieten.

Einen Einsatz von eMedien finde ich ab späten Kindergartenalter und vor allem in der Schule sinnvoll. Meinetwegen können Lesebücher auf eBooks oder Tablets von den Kindern gelesen werden. Ebenso finde ich Apps im Sachbuchbereich sinnvoll, wenn Wissensvermittlung, Aufbereitung und spielerische Elemente sinnvoll und ausgewogen miteinander kombiniert werden. Nur sollten diese eMedien nicht als billiger Abklatsch der Bücher zum schnellen Geldverdienen für die Verlage daherkommen. Ebenso wehrt sich mein Elternherz gegen die Kommerzialisierung und Merchandisierung von Figuren wie Prinzessin Liliefee. DAS will ich nicht haben, liebe Verlage!

Und warum wäre nicht auch mal eine Podcast-Reihe eine interessante Idee? Diese alte Idee kommt eigenlich nur im neuen Gewande daher. Hörkassetten waren schon zu meinen Zeiten sehr beliebt. Gerne habe ich damals die Abenteuer von Bibi Blocksberg mir angehört. Ob nun die Geschichten über Kassette, CD oder Internet laufen, ist erst einmal egal. Einzig und allein beim letzteren könnten andere Kombinationen mit Interaktionen etc. neue Gestaltungsräume eröffnen.

Im Grunde scheint die Entwicklung von eMedien im Kinderbuchbereich auf den ersten Blick einfach zu sein. Andererseits ist sie es eben auch nicht, wenn nicht der Geruch von Merchandising schnell in der Luft wäre. Darüber hinaus ist die Vermittlung von Medienkompetenz ein wichtiges Anliegen von Eltern und Pädagogen. Diesen Anspruch sollten Verlage bei der Entwicklung im Hinterkopf behalten. Ebenso die haptischen Elemente und die Verarbeitung von elektronischen Informationen durch das kindliche Gehirn, das da noch ganz anders als bei uns Erwachsenen darauf reagiert. Schnell ist eine Reizüberforderung gegeben.

Ich glaube, wenn die Produktidee diese Elemente enthält, also gut gemacht ist, dann wären Eltern eher bereit, neben dem klassischen Buch auch solche digitalen Produkte ihren Kindern zu schenken. Ja und dann käme natürlich die Preisfrage. Aber das ist jetzt ein anderes Diskussionsfeld.

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