Interview mit Dr. Simone Ehmig, Stiftung Lesen: "Wir brauchen eine Bewegung für das Lesen, die alle ins Boot holt."

Hat Ihnen der Kinderarzt bei einer der ersten U-Untersuchungen den Stoffbeutel "Lesestart" mit dem hopsenden Kängaruh, das ein Buch unter seinem Arm geklemmt hat, gegeben? Dann haben Sie an einem bekannten Projekt der Stiftung Lesen teilgenommen. 1988 gegründet hat die Stiftung Lesen mit Sitz in Mainz das Ziel, Lesen und Lesekompetenz mit Projekten, Kampagnen und Aktionen für alle Menschen jeglicher Alters- und Bevölkerungsgruppe zu fördern. Sie ist die bekannteste Organisation in diesem Bereich. Daher freue ich mich sehr, mit Frau Dr. Simone Ehmig, Stiftung Lesen, über nachhaltige Leseförderung, der gesellschaftlichen Bedeutung von Lesen, den Problemen in der Leseförderung und den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen zu sprechen.

Die Stiftung Lesen engagiert sich seit 1988 in der Leseförderung. Welche Projekte sind am bekanntesten und erfolgreichsten?
Mit hoher öffentlicher Sichtbarkeit agiert die Stiftung Lesen erfolgreich und nachhaltig mit einer Vielzahl von Programmen, die Kinder von Anfang an begleiten und sie in unterschiedlichen Kontexten ansprechen. Besonders wichtig ist „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“. Das bundesweite Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sensibilisiert, motiviert und aktiviert Eltern zum Vorlesen und Erzählen. Ältere Kinder und Jugendliche finden in „Leseclubs“ außerunter­richtliche Lernumgebungen, in denen sie sich regelmäßig treffen, um gemeinsam zu lesen, zu spielen und mit verschiedenen Medien kreativ zu sein. Lesebegeisterte Kinder und Jugendliche engagieren sich als „Lesescouts“ und vermitteln jüngeren Mitschüler/innen Lesemotivation und Lesefreude.
Auf eine große öffentliche Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit einer möglichst frühen und umfassenden Leseförderung zielen der Welttag des Buches am 23. April und der Bundesweite Vorlesetag am dritten Freitag im November. Durch Kooperationen mit McDonalds („Bücher im Happy Meal“) oder Aldi Süd tragen wir dazu bei, dass Kinder und ihre Eltern Lesestoffe an Orten vorfinden, zu denen Familien regelmäßig kommen, dort aber keine Bücher erwarten. So bringen wir das Lesen in die Lebenswelten hinein, machen es zum Gesprächsthema und wecken Lust auf mehr – das kann leseferne Familien dazu bringen, im nächsten Schritt eine Bibliothek oder eine Buchhandlung zu besuchen.


Was macht eine nachhaltige Leseförderung aus?
Leseförderung ist im Idealfall bei jedem einzelnen Kind, Jugendlichen und Erwachsenen individuell nachhaltig, indem sie einen Zugang zum Lesen schafft, Lesefreude weckt und darüber Lesepraxis anstößt, die wiederum Lesekompetenz fördert. Ein Paradebeispiel für einen solchen Impuls stellt das Vorlesen dar. Es bildet die Grundlage für Lesemotivation und das spätere eigene Lesen der Kinder, die nachhaltig für ihren Schulerfolg und ihr Interessenspektrum profitieren. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, entwickeln sich zu besonders fröhlichen, selbstbewussten, emotional starken, empathischen, solidarischen und engagierten Persönlichkeiten. Sie haben beste Voraussetzungen, später in Beruf und Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.
Weil jeder Einzelne davon profitieren kann, bedeutet nachhaltige Leseförderung darüber hinaus, den Teufelskreis aus familiären Bildungsvoraussetzungen und späteren eigenen Bildungschancen zu durchbrechen. Vom Vorlesen und Erzählen profitieren Kindern unabhängig davon, welchen Bildungsgrad ihre Eltern haben. Somit können Eltern unabhängig von ihrer eigenen Bildung und ihrem sozialen Status über das Vorlesen einen Impuls setzen, der ihre Kinder stärkt und fördert. In Kurzform bedeutet dies: Jedem Kind jeden Tag 15 Minuten vorlesen!


Trotz zahlreicher Initiativen und Projekte auf kommunaler oder privater Ebene gerät das Lesen im Kindes- und Jugendalter gegenüber anderen Freizeitangeboten ins Hintertreffen. Was sind die Ursachen dafür? Wie kann man den Gründen besser begegnen?
Die Aussage ist so nicht korrekt. Bei Kindern und Jugendlichen sind die wichtigsten Freizeitaktivitäten immer noch das Spielen und die Begegnung mit Gleichaltrigen. Lesen wird auch nicht durch „konkurrierende“ (digitale) Medien verdrängt: Der Anteil der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die täglich oder mehrmals in der Woche lesen, ist seit Ende der neunziger Jahre absolut stabil. Dennoch haben wir aber ein Problem mit zwei Facetten: Erstens erfährt ein beträchtlicher Teil der Kinder und Jugendlichen keine ausreichende Lesesozialisation in ihren Familien. Jedem dritten Kind in Deutschland lesen die Eltern nicht vor. Viele Eltern sind selbst keine Lesevorbilder. Der Mangel an motivierenden Impulsen ist einer von zahlreichen Gründen für das zweite Problem: In Deutschland leben mehr als 7,5 Millionen Erwachsene, die nicht richtig lesen (und schreiben) können – ihnen fehlen also elementare  Zugangsvoraussetzungen. Dabei bildet funktionaler Analphabetismus ein nachwachsendes Problem: Die neueste PISA-Studie identifizierte Leseschwierigkeiten bei 16,2 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland. Ähnliche Zahlen zeigen Studien für jüngere Schüler/innen in Grundschulen. Hier zeigt sich der erwähnte Teufelskreis, den nachhaltige präventive Leseförderung durchbrechen will.

Brauchen wir mehr Leseförderung, also quantitativ, oder eine andere Art der Leseförderung, um das Lesen bei den Kindern und Jugendlichen wieder beliebter zu machen? Wie würde letzteres aussehen?
Das Lesen ist nicht unbeliebter geworden. Ein beträchtlicher Teil der Kinder und Jugendlichen findet aber von klein auf keinen Zugang dazu. Die negativen Konsequenzen betreffen primär jede/n Einzelne/n. Sie sind im zweiten Schritt relevant für unser Bildungssystem (Schulabgänger ohne Abschluss), den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt (qualifizierte Auszubildende und Fachkräfte) und besitzen volkswirtschaftliche Implikationen. Mit Lesen fängt alles an – deshalb gehen Lesen und ausreichende Lesekompetenzen alle etwas an. „Mehr Leseförderung“ bedeutet in diesem Sinne eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung aller relevanten Akteure. Die Bedeutung von Lesen und von Leseförderung muss auf politischer und gesellschaftlicher Ebene noch stärker präsent werden – deshalb Aktionstage und Kampagnen, die Politiker, Unternehmen und Prominente öffentlich für das Lesen werben und für Leseförderung eintreten lässt. Deshalb aber auch das Engagement von Erzieher/innen, Lehrkräften und zahllosen Ehrenamtlichen, die z. B. Kindern vorlesen, deren Eltern es nicht tun. Wir brauchen eine Bewegung für das Lesen, die alle ins Boot holt.

Mädchen lesen (fast) alles, Jungs hingegen nur ausgewähltes. Benötigen wir eine geschlechterspezifische Leseförderung und wie würde sie aussehen?
Ein Großteil der Jungen wachsen mit nahezu ausschließlich weiblichen Lesevorbildern und –akteuren auf (Mütter, Erzieherinnen, Grundschul- und Deutschlehrerinnen). Väter lesen seltener in (unterhaltenden) Büchern, sie lesen seltener vor, sie ergreifen seltener erzieherische Berufe. Als Lehrkräfte repräsentieren sie überdurchschnittlich mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, Angebote zu machen, die das Lesen „entweiblichen“, männliche Akteure einbinden (z. B. Sportler als Lesebotschafter) und Themen aufgreifen, die Jungen (auch) interessieren. Solche Angebote sollten Geschlechterdifferenzen nicht vertiefen, sondern attraktive Angebote bereitstellen und Impulse geben, die einen Zugang ermöglichen und somit der Geschlechterdifferenz im Zugang zum Lesen entgegenwirken. Selbstverständlich sollten Angebote der Leseförderung und Leseempfehlungen aber immer für alle Kinder und Jugendlichen offen und zugänglich sein.

Deutschland hat 7,5 Mio. Erwachsene, die laut LEO-Studie von 2011 funktionale Analphabeten sind. Beschränkt sich die allgemeine Sicht auf Leseförderung zu sehr auf die Jugend?
Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Es ist wichtig, dass Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können, diese Fähigkeiten aufholen. Darin darf sich Alphabetisierung und Grundbildung aber nicht erschöpfen. Langfristig wird sich der Anteil leseferner und -schwacher Personen nur verringern lassen, wenn in den nachwachsenden Generationen Kinder und Jugendliche in ausreichendem Maße Lesemotivation und Lesefreude entwickeln, einen Zugang zum Lesen auf allen Trägermedien erhalten und Lesekompetenz erwerben. Es gilt also, den erwähnten Teufelskreis dauerhaft zu durchbrechen. Hierzu brauchen wir nachholende und präventive Ansätze gleichermaßen.

Wann haben wir das Ziel Leseförderung erreicht?

Wenn Lesen Teil jeder Kindheit und Jugend geworden ist und damit alle die gleichen Chancen haben.

Herzlichen Dank für das Interview, Frau Dr. Ehmig. Ich wünsche der Stiftung Lesen noch viele kreative Ideen für die Leseförderung, die im besten Fall Lesen Teil jeder Kindheit und Jugend werden läßt!

Kommentare

  1. Von der Lesestart-Aktion haben wir auch schon profitiert, allerdings erst bei der zweiten Stufe. Beim Kinderarzt bekommt man hier leider nichts. Sehr gut finde ich, die Kooperationen mit Aldi-Süd und McDonalds, auch wenn ich selbst nicht gerne zu McDonalds gehe, aber hier erreicht man vielleicht auch die Menschen, die nicht in eine Bücherei o.ä. gehen. Hier sehe ich nämlich auch ein bisschen das Problem der zweiten Tasche. Die Menschen, die damit in erster Linie erreicht werden sollen, gehen ja gerade nicht in die Bücherei. Bei uns werden dann aber die Taschen über den Kindergarten ausgegeben, was ich eine gute Lösung finde. Noch besser wäre es, wenn der Kindergarten mit den Kindern dafür in die Bücherei gehen würde.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen