Stolpersteine der Leseförderung #lesefreude

In der Theorie scheint es doch recht einfach zu sein, Kindern Bücher nahe zu bringen. Die Eltern sollten so früh als möglich, mit ihren Kindern regelmäßig und gerne Bücher anschauen, als Vorbilder vor den Kinder selber lustvoll zu Büchern greifen und lesen. Sie sollten ihnen den Zugang zu Büchern so einfach wie möglich gestalten, also Bücher kaufen, mit den Kindern in die Bibliothek gehen, ihnen diesen Ort und seine Spielregeln zeigen. Im Kindergarten und in der Schule geht es weiter. Im ersteren sollten viele, altersgemäße Bücher frei zugänglich sein, die Erzieher vorlesen. In der Schule ergänzen kreative Leseideen das Lesenlernen. Doch die Realität sieht meist anders aus.

Lesefreude im Elternhaus


Fangen wir mit den Eltern an. Wie generell bei allen Fragen zu ihren Kindern liegt es in ihrer Verantwortung, ihnen Bücher nahe zubringen. Doch seien wir mal ehrlich. Je jünger das Kind, desto regelmäßiger wird ihm noch vorgelesen. Doch sobald es das Lesen in der Schule gelernt hat, nimmt das elterliche Vorlesen rapide ab, obwohl es sich die Kinder noch wünschen. Das Kind kann es ja, überhaupt soll es endlich eigenständiger werden, als Eltern will man jetzt mehr Zeit für sich haben. Aber Lesen hat - so zeigen es neuere Forschungsergebnisse (Mechthild Dörfler, Monika Plath, Karin Richter, siehe Interview mit Susanne Brandt) - viel mit Beziehung zwischen Kind und Eltern zu tun, mit Fürsorge, Vertrauen, Empathie, Liebe und ganz wichtig (!) Zeit. Eltern erziehen ihre Kinder. Sie zeigen durch ihr Tun, durch ihre Haltung, durch ihr Reden, was wichtig ist. Kinderbücher sollten im Elternhaus frei zugänglich sein. Ein Grundstock sollte vorhanden sein. Um ihn aufzubauen, können die Eltern Großeltern, Tanten, Onkel, Paten miteinbeziehen. Je älter das Kind ist, desto mehr sollten seine Lesewünsche berücksichtigt werden, auch wenn sie von den elterlichen Vorstellungen abweichen. Dies ist ein Zeichen, daß die Eltern das Kind als Persönlichkeit ernst nehmen, ihm seine Freiheit in der Entscheidung zugestehen und ihn ernst nehmen. Wenn das Kind nun einmal vor allem Comics lesen will, warum nicht? Es liest. Irgendwann will es andere Literatur haben. Kontraproduktiv ist das Aufzwängen bestimmter Literatur, die Eltern als gute Literatur im klassischen Bildungskanon oder weil es angeblich die Gesellschaft will ansehen. Anbieten, zeigen ja, Pflicht werden lassen nein.
Eltern sollten auch dem Kind gegenüber die Wertschätzung für das Lesen und des Buches zeigen, ein sorgsamer Umgang (kein Werfen, kein Draufsteigen, kein Reinmalen, kein Schneiden etc.), dem Lesen eigene Zeit einräumen. Gemeinsam mit den Kindern sollten Eltern Bücherorte aufsuchen: die Buchhandlung (meinetwegen auch im Online), die Bibliothek. Wie sieht dieser Ort aus? Welche Regeln gelten dort? Wie verhält man sich dort?
Zuhause sollten die Kinderbücher frei in Regalen für das Kind zugänglich sein. Bücher als Erziehungsmittel bei kleineren Problemen einzusetzen, wirkt kontraproduktiv. Eine gemütliche Leseecke, ein Sofa, auf dem das Kind schmökern kann, schön gestaltete Lesezeichen schaffen eine gute Atmosphäre.
Und das wichtigste überhaupt, ist die gemeinsame Zeit der Eltern, die sie mit Kind und Buch verbringen: Vorlesen, darüber reden, zeigen, die Bücherorte gemeinsam aufsuchen. Denn nur durch gemeinsam verbrachte Zeit, die keine Pflichterfüllung einer Liste ist, sondern durch Zuwendung, Liebe und Freude angefüllt ist, ist der wahre Schatz einer Kindheit.
Dies wäre natürlich ideal. Mir ist sehr wohl klar, daß nicht alle Kinder diese Bucherlebnisse im Elternhaus haben werden (soziale Schichtzugehörigkeit, individuelle Kind-Eltern-Beziehung, Erziehungsstil). Und diese Erlebnisse, dieses Familiengestalten enthält keine Garantie für spätere Lesefreude bei den Kindern. Es ist wie immer in der Erziehung, man zeigt den Kind den Weg auf, ob und wieweit sie gehen, liegt nicht vollständig in der Hand der Eltern.

Lesefreude im Kindergarten, Schule

Lesen, Leseerfahrung zu vermitteln und Leseförderung generell ist Teil des gesellschaftlichen Bildungsauftrages von Kindergarten und Schulen. Doch hier liegen die großen Stolperstein vor allem in der Ausstattung personeller und finanzieller Art. Zumeist ist das Budget zum regelmäßigen Büchererwerb viel zu klein, die Einrichtungen sind auf Spenden der Eltern angewiesen (hier und hier habe ich am Beispiel der Einrichtung meiner Kinder den unmöglichen Zustand geschildert). Die Bücher gehen durch viele, kleine Kinderhände, werden unsanft behandelt. Bücher dienen nicht nur zum Lesevergnügen, sondern bilden auch einen Grundstock für Projekt- und pädagogische Arbeit. Darüberhinaus ist adäquate Leseförderung auch ans Personal geknüpft: wenn eine Erziehern für 18 Kindergartenkinder allein zuständig ist, kann Vorlesen nicht ständig möglich sein, wenn es ein Kind aus der Gruppe sich wünscht. Das Vorlesen findet beispielsweise im Morgenkreis oder vorm Mittagsschlaf statt. Hier sind es die aktuellen Randbedingungen der personellen Ausstattung in den Kindergärten, im Hort, die dem Lesevergnügen im Weg stehen. Daher braucht es weniger große politische Kampagnen, die für einen Augenaufschlag meist nur medialen Erfolg verbuchen, sondern langfristig einfach nur mehr Personal und mehr Geld für den Buchkauf. Denn auch im Kindergarten, im Hort, in der Schule gilt: Lesen basiert auch auf Beziehung.
Eine gemütliche, ruhige (!) Leseecke, frei zugängliche Bücher fördern das Interesse an den Büchern. Daher wäre es schön, wenn Kindergärten auch die entsprechenden Räume und qualitativ hochwertigen Ausstattungen hätten.
Natürlich ist Leseförderung auch an Weiterbildungsmöglichkeiten für die Erzieher, Lehrer geknüpft, die sie auch zeitlich wahrnehmen können, ohne daß der eigentliche Alltag gleich zusammenbricht. Und als krönender Abschluß wäre es gut, wenn Kindergärten, Schulen, Hort mit Begleitmaterial für Leseförderung gut ausgestattet wäre: aktuelle Fachliteratur, Kamishibai, Begleitmaterialien.

Lesefreude in Bibliotheken

Bibliotheken sind ein wichtiger Baustein in der Leseförderung. Allein durch die Zugänglichmachung zu Literatur, die für Kinder in der Regel nichts oder sehr wenig kostet. Bibliotheken leisten mit Vorlesepaten, Bilderbuchkinopakete für Kindergärten und Schule, überhaupt die Zusammenarbeit mit ihnen, Lesenächten und anderen Aktionen einen unschätzbaren Anteil in der Leseförderung Doch auch hier gilt wie bei den Kindergärten und Schulen, es braucht ein gut ausgestattetes Geldbudget zum regelmäßigen Erwerb an Büchern etc., gut zugängliche Räumlichkeiten und das Personal. Findet man in Städten Bibliotheken recht zentral gelegen, sieht es auf dem Land düsterer aus. Hier muß die Infrastruktur der Gemeindebibliotheken zumindest aufrecht erhalten, wenn nicht sogar verbessert werden. Denn je länger der Weg zur Bibliothek ist, desto weniger wird er von den Kindern (mit ihren Eltern) beschritten.
Nicht außer Acht darf man die Schulbibliotheken lassen. Eigentlich sollten sie an jeder Schule verfügbar sein (vor allem auf dem Land). Doch auch hier sieht es nicht wirklich gut aus: der Mangel an Geld, an Personal. Mit ihrer räumlichen Nähe zu den Schülern sind sie doch der ideale Ausgangspunkt, Kindern überhaupt einen Weg zu den Büchern zu eröffnen.

Kommentare

  1. Ein Artikel mit vielen interessanten Gedanken. Ja, in Kindergärten ist die Buchausstattung nicht gerade rosig, was sehr schade ist, da man hier viele Kinder erreichen kann.
    Wir wohnen auf dem Land und ich muss sagen, dass wir hier ganz gute Büchereien haben. Fachliteratur etc. findet man dort weniger, aber eine angemessene Auswahl an Kinderbüchern. Außerdem sind alle Schulbüchereien von Grundschulen, die ich kenne, gut ausgestattet. Allerdings werden sie in der Regel sehr stark von Fördervereinen oder Privatpersonen unterstützt.

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