"Leseförderung ist eine Beziehungserfahrung": Interview mit Kamishibai-Erzählerin und Bibliothekarin Susanne Brandt

Wer sich näher mit Kamishibai, mit dem Vorlesen für Kindergartenkinder oder überhaupt mit dem Erzählen beschäftigt, stößt recht schnell auf den Namen Susanne Brandt. Die Bibliothekarin ist eine ausgewiesene Kennerin auf diesem Gebiet. Mit zahlreichen Praxisbüchern wie "Mein Kamishibai" (zusammen mit Helga Gruschka), "Lauschen und Lesen" oder "Im Kindergarten Bilderbücher erleben" gestaltet sie Leseförderung auf ihre sehr sympathische Art und Weise. Schnell merkt man, daß das Kind mit seinem eigenen Wesen bei ihr im Zentrum steht. Nun ist Susanne Brandt seit mehr als 3 Jahrzehnten in diesem Bereich tätig. Da freue ich mich sehr, sie zu Leseförderung interviewen zu dürfen.

Seit fast drei Jahrzehnten beschäftigen Sie sich mit Leseförderung, sind Autoren zahlreicher Fach- und Praxisbücher, erzählen Kindern Geschichten mit dem Kamishibai. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen? Was ist bis heute Ihr Antrieb?
Die Leseförderung begleitet mich seit Beginn meiner Berufstätigkeit als Bibliothekarin, bei der die Arbeit mit und für Kinder und Kinderbibliotheken immer einen gewissen Schwerpunkt gebildet hat. Letztendlich war das bereits bei der Entscheidung für das Studium eine wichtige Motivation: nämlich Möglichkeiten zu entdecken, um bei Kindern die Lust an Sprache und Geschichten anzuregen und ihrer eigenen Fantasie und Erzähllust Raum und Aufmerksamkeit zu schenken. Meine beruflichen Aufgaben und Einsatzorte haben sich in den Jahren dann mehrfach geändert – aber dieses Anliegen steht für mich heute wie damals als Antrieb im Zentrum, weil das ein unerschöpfliches Thema ist.



Hat sich die Leseförderung über die Jahre hinweg gewandelt und wenn ja, in welcher Art und Weise?
Ja und nein. Einerseits erlebe ich, dass Kinder auf der Beziehungsebene Bedürfnisse signalisieren, die sich nach meiner Wahrnehmung kaum geändert haben: Besonders deutlich merke ich das beim dialogischen Vorlesen und Erzählen, wenn die Kinder mit ihren Fragen und ihren Gedanken zu Geschichten individuell wahrgenommen werden und sich äußern möchten. Andererseits bringen die Kinder aber heute mehr als vor 30 Jahren eine Vielfalt von Medienerfahrungen mit, die eher von kurzen Aufmerksamkeitsspannen und einem schnellen Wechsel bzw. Nebeneinander von verschiedenen sinnlichen Reizen geprägt sind. Dass Vorlesen und Erzählen anders geht und ein Kamishibai z.B. einem anderen Rhythmus folgt, wird mal mit spürbarer Entspanntheit, Neugier und Lust an der Zeit und Zuwendung, die dabei geschieht, beantwortet. Von einigen aber auch als ungewohnt empfunden. Das bedeutet für die Vermittlung: Die Kinder bringen ein sehr breites Spektrum an unterschiedlichen Sprach- und Medienerfahrungen mit, das beim Vorlesen und Erzählen im Blick bleiben muss und einem eine zunehmend große Flexibilität abverlangt, um sich angemessen auf die Reaktionen der Kinder einstellen zu können.

Was verstehen Sie unter guter, nachhaltiger Leseförderung?
Der polnische Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak, den ich bis heute in vielem als Impulsgeber für meine Arbeit verstehe, hat Anfang des 20. Jahrhunderts mal gesagt: „Jedesmal, wenn du ein Buch fortgelegt hast und beginnst, den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch seinen beabsichtigten Zweck erreicht.“ Das ist es, was ich mir im Grunde unter nachhaltiger Leseförderung vorstelle: durch Bücher und Geschichten Kinder dazu anregen, ihren eigenen Gedankenfaden weiterzuspinnen – sei das nun ein Vorgang der Fantasiebildung oder ein Nachdenken über Wissensfragen oder eine Mischung aus beidem. Leseförderung betrachte ich dann als gelungen, wenn Kinder souverän mit diesem Wechselspiel umgehen lernen, bei dem sie erkennen: Ich erfahre aus Büchern und Geschichten von anderen Menschen Anregungen und Ideen zum Weiterdenken für mein eigenes Leben. Beides gehört zusammen, weil das eine nicht ohne das andere geht. Zugleich möchte ich den Kindern bewusst machen: Hinter allem Geschriebenen und Gedruckten, Gemalten und Gesagten stehen die Gedanken und Vorstellungen anderer Menschen, auf die ich als Mensch reagieren kann. Ich kommuniziere nie mit einer anonymen Maschine, wenn ich mir zu Geschichten und Sachwissen Gedanken mache. Das hat auch etwas mit Respekt und Achtung zu tun vor den vielen verschiedenen Möglichkeiten, wie Menschen die Welt sehen und verstehen.

Worin sehen Sie die Ursachen, daß wir überhaupt bei dem doch recht einfachen Zugang zum Buch, dem ausführlichen Schulunterricht Leseförderung brauchen?
Leseförderung beginnt ja nicht erst mit dem Schulalter, sondern bereits mit den ersten frühkindlichen Sprach- und Kommunikationserfahrungen. Dass Leseförderung eine Beziehungserfahrung ist – in der Beziehung zwischen den Hörenden und Sprechenden wie zwischen den Gedanken, die dabei miteinander in Austausch treten – kann schon lange vor dem eigentlichen Lesealter spürbar werden und zu einer guten Grundlage für das spätere Selbstlesen beitragen. In der Schule kommen dann ja in Verbindung mit Buch und Lesen bestimmte Leistungserwartungen hinzu, die das Verhältnis zum Lesen und zum Buch wiederum in anderer Weise prägen - und manchmal auch belasten. Da bietet die außerschulische Leseförderung die Chance, immer wieder auch andere Facetten von Lesen und Büchern erlebbar zu machen, die nicht mit bestimmten Leistungserwartungen verknüpft sind.




Mädchen lesen (fast) alles. Jungs lesen nur Ausgewähltes. Brauchen wir eine geschlechterspezifische Leseförderung?
Wenn die Leseförderung in der Praxis stark dialogisch ausgerichtet ist, also die Rückmeldungen und Interessen der Kinder einzubeziehen versucht, ist das für mich weniger eine geschlechtsspezifische Ausrichtung, sondern immer wieder neu der Versuch, die Individualität der jeweiligen Kinder ernst zu nehmen. Ich meide dabei eher Bücher, die solche geschlechtsspezifischen Prägungen aus einem Verlags- und Verkaufsinteresse heraus überdeutlich vornehmen und suche lieber nach einer Mischung, bei der handlungsorientierte Elemente und Sachfragen, auf die tendenziell Jungs stärker reagieren ebenso vorkommen wie solche Themen, die man eher den Mädchen zuordnet. Bei der Vermittlung wie bei der Auswahl der Bücher ist mir vorrangig daran gelegen, dass jedes Kind möglichst unvoreingenommen entscheiden kann, für was es sich interessiert. Dazu gehört auch die Neigung mancher Kinder – unter ihnen offenbar mehrheitlich Jungs – vor allem in bestimmten Lebensphasen vielleicht quantitativ weniger zu lesen. Das versuche ich zu verstehen – und nicht unbedingt zu ändern.

Werden wir jemals das Ziel Leseförderung erreicht haben?
Für mich ist Leseförderung eher eine Haltung und weniger ein Ziel, das sich irgendwann erreichen lässt. Und nein – diese Haltung möchte ich eigentlich nie als „erledigt“ ablegen, sondern folge da dem Bild des Fadens: ein Buch kann gern irgendwann zugeklappt werden und es kann vielleicht auch mal länger dauern, bis das nächste Buch geöffnet wird – entscheidend ist der Gedankenfaden, der durch das Lesen seinen Anfang nimmt und dann hoffentlich noch lange, vielleicht endlos weitergesponnen wird. Mein Ziel wäre, dass das nicht aufhört und immer wieder neu in einer großen Vielfalt geschehen kann.

Herzlichen Dank fürs Interview, Frau Brandt. Ich wünsche Ihnen weiterhin viele tolle Ideen für ihre wunderbare Arbeit!

Unter Waldworte bloggt Susanne Brandt.
Mehr über Susanne Brandts Arbeit erfahren Sie in diesem Interview.
Einige Praxisbücher von Susanne Brandt findet man im Verlag Don Bosco.

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