#lesefreude: "Literarische Früherziehung" von von Christoph Brix

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag des Kinderbuchautors Christoph Brix zur Themenwoche Leseförderung.

Als Wenke Bönisch von der "Kinderbibliothek" mich bat, doch einen Beitrag für ihre Themenwoche "#Lesefreude" zu schreiben, sagte ich fröhlich zu: schöne Idee! Dann aber kam ich aber ins Grübeln: was qualifiziert ausgerechnet mich, einen Gymnasiallehrer für Mathematik und - ok, das passt schon eher - Geschichte, mich dazu zu äußern? Was sollte irgendjemanden an meinen Gedanken hierzu interessieren? Auf der anderen Seite: meine Bücherregale sind brechend voll, ebenso die meiner Frau. Auch unsere Kinder lieben Bücher. Sie haben davon wahrscheinlich schon mehr als mancher Erwachsene. Lesefreude ist also durchaus vorhanden. Gut, dachte ich mir, versuche ich der Sache also mal nachzugehen, aus der ganz persönlichen (Alltags-) Perspektive.
Beginnen wir mal mit einem anderen Bereich: Ich hatte meinen Gitarrenlehrer mal gefragt, was er von musikalischer Früherziehung halte. Grundsätzlich stehe ich der durchdidaktisierten Musikerziehung im Windelalter ebenso skeptisch gegenüber wie dem sonstigen Frühförderwahn. Aber wenn rundherum die musikalische Förderung bereits im frühen Kindesalter beginnt, da sie "auch bei den Kleinen schon die Kreativität fördert und ihre sozialen Fähigkeiten schult", "als gute Grundlage für einen weiteren musikalischen Weg" dient und "das Gedächtnis, die Konzentration und die Sensibilität" unterstützt wird man ja wider Willen doch mal nervös. Mein Gitarrenlehrer meinte lapidar, wenn sich die Eltern für Musik begeistern und im Idealfall noch ein Instrument spielen, dann könne man sich die ganze musikalische Früherziehung schenken.

Ich vermute mal, mit Lesen ist das ähnlich. Die Bücherregale meiner Mutter waren jedenfalls auch immer übervoll. Überhaupt kann ich mich nicht daran erinnern, sie mal eine freie Minute ohne Buch gesehen zu haben. Sie hat überall gelesen: morgens beim Frühstück, im Zug zur Arbeit, am Strand oder im Schwimmbad (nur unterbrochen vom gelegentlichen Verteilen des Proviants an den nassen Nachwuchs) und abends auf dem Sofa (auch gerne parallel zum Fernsehgucken). Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Mutter, wenn mein Vater ihr auf der Bahnfahrt im Urlaub ein besonders prachtvolles Alpenpanorama zeigen wollte, nach etwa 30 Minuten von ihrem Buch aufblickte und sagte: "Wo denn?" Da fuhren wir natürlich längst durch irgend einen dunklen Tunnel. Mein Vater, den diese und ähnliche Episoden auch im Nachgang noch zur Weißglut brachten, hat selbst zwar nicht ganz so viel gelesen. Aber auch für ihn war es eine schöne und wichtige Freizeitbeschäftigung. Die Erinnerungen daran, wie meine Eltern mir und meinen Geschwistern abends am Bett vorgelesen haben, gehören zu den schönsten aus meiner Kindheit. Bücher gehörten einfach immer dazu.

Was genau aber haben mir meine Eltern da vermittelt?

  1. Bücher machen Spaß. Das habe ich daran gemerkt, wie sie gelesen und vorgelesen haben.
  2. Bücher sind wertvoll. Sie waren sorgsam zu behandeln, durften nicht zerknickt werden und man malte auch nicht in sie hinein. (Im Gegensatz zu digitalen Texten haben sie auch etwas viel Beständigeres.)
  3. Bücher erklären die Welt. Von Anfang an haben meine Eltern uns nicht nur Geschichten, sondern auch Sachbücher wie die Was-Ist-Was-Reihe gekauft. Mit ihnen konnten wir unsere Wissbegier befriedigen.

Ich versuche eigentlich gar nicht, das an meine Kinder weiterzugeben. Es passiert einfach. Die Kinder sehen ja, dass meine Frau und ich ständig etwas zu lesen in der Hand haben (und sei es nur die neueste Ausgabe von eclipsed oder dem SPIEGEL). Sie sehen auch, dass unsere Bücherregale überquellen (wie bei Oma). Sie sehen, wie wir uns freuen, wenn ein neues Buch von unserem Lieblingsautor erscheint. Sie spüren, wie gerne wir ihnen vorlesen (naja, jedenfalls meistens) und dass wir bei Büchern gerne mal eine Ausnahme von der keine-Geschenke-mehr-außer-der-Reihe machen. Und in meinen Fall, klar: da schreibt der Papa auch noch selber welche. Aber das ist natürlich auch etwas, was meiner eigenen Liebe zu (Kinder-)Büchern geschuldet ist. Und wir kaufen den Kindern vor allem Bücher, die ihnen selber gefallen, auch wenn sie nicht "pädagogisch wertvoll" sind und unsere Kinder im Handumdrehen zu friedliebenden, toleranten und wie-auch-immer wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft machen. Man muss natürlich damit leben, dass einem auch das eine oder andere rosa glitzernde Prinzessinnenbuch ins Haus kommt. Es ist sicher ein Gemeinplatz, aber ich glaube, dass die vorgelebte (und nicht nur vorgegebene) Begeisterung für Bücher entscheidend für die Entwicklung eigener Lesefreude ist. Leider aber ist sie wahrscheinlich auch schwer zu ersetzen.

Gegen das Elternhaus geht nichts.

Das lernt man als Lehrer sehr schnell, manchmal auf die harte Tour. Wenn die Eltern ihren Kindern vermitteln, dass Bücher langweilig und anstrengend sind, wird es schwer bis unmöglich, dagegen anzugehen, sofern der Antrieb dafür nicht aus dem Kind selbst kommt. In jedem Fall aber ist es gut, wenn es andernorts Anlaufpunkte findet. In unserer Kita spielen Bücher zum Beispiel eine sehr große Rolle, sei es beim gemeinsamen Vorlesen, in der Einrichtung einer ordentliche Bibliothek mit Ausleihmöglichkeit (obwohl die Kita sehr klein ist) und eines regelmäßigen Büchertischs. Auch in meiner Schule gibt es einen "Schmökerraum" für die Unterstufe, in dem sich die Schüler und Schülerinnen während der Pausen aufhalten dürfen sowie eine rege genutzte Schulbibliothek, in der außer Fachbüchern (z.B. fürs Abitur oder für Referate) deutsche, englische und französische Literatur, Kinder- und Jugendbücher, Romane für Erwachsene, allgemeine Nachschlagewerke, DVDs, Hörbücher, Comics, Zeitschriften Zeitungen und Spiele kostenlos ausgeliehen werden können. Letztes Jahr wurde in der Weihnachtszeit von Schülern und Lehrern in der großen Pause ein Adventsvorlesen veranstaltet. Der Saal war jedes Mal voll. All dies sind kleine Bausteine, die Kindern den Zugang zu Büchern ermöglichen und bei Ihnen mit Sicherheit "Lesefreude" wecken.
Wie wichtig Lesefreude für die Entwicklung von Lesekompetenz ist, liegt auf der Hand. Wer viel und mit Freude liest, erfasst Textinhalte schneller und besser, erweitert sein Vokabular und kann selber auch bessere Texte produzieren. Wie wichtig diese Kompetenz ist merke ich in meinem Beruf jeden Tag. Und das gilt nicht nur für das offensichtliche Fach Geschichte. Auch in Mathematik wird das Übersetzen von Sachzusammenhängen in mathematische Formeln und Modelle ("Modellieren") immer wichtiger. Schülerinnen und Schüler, die Texte sicher und schnell verstehen, haben hier einen klaren Vorteil. Für andere, die rein mathematisch durchaus begabt sind, stellt das eine echte Hürde dar.
Um am Ende noch das ganz große bildungsbürgerliche Fass aufzumachen folgt ein Lieblingszitat meiner Frau: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" (Wittgenstein). Aber da ist eben doch etwas dran. Freude am Lesen trägt dazu bei, die eigene Sprache und den eigenen Horizont zu erweitern. Die wirkungsvollste Vermittlung findet meiner Vermutung nach tatsächlich im Elternhaus statt. Zahlreiche andere Institutionen können das aber unterstützen. Wenn das gut ineinandergreift, kann sich eine darüber hinausgehende "literarische Früherziehung" (Die Leiden des ganz jungen Werther - Ein Goethe-Prequel für Zweijährige!) wohl schenken. Ach und eins noch zum Schluss: nach meiner eigenen musikalischen Früherziehung mit Xylophon und Blockflöte brauchte es Jahre, bis ich wieder ein Instrument in die Hand genommen habe. Bei der Gitarre bin ich aber bis heute geblieben.

Herzlichen Dank für Ihren lebendigen Beitrag zur #lesefreude, Herr Brix.

Webseite von Christoph Brix

Kommentare

  1. Ein toller Beitrag, den ich komplett zustimme und der irgendwie sehr gut die Verhältnisse bei uns darstellt ;) Übervolle Bücherregale bei Kindern und Eltern, ständig wird gelesen, ich kann bei Büchern schlecht nein sagen, obwohl ich von Geschenken außer der Reihe nichts halte und natürlich kommen auch Bücher ins Haus, die mir nicht so gefallen, aber dafür den Kindern. Ich bin aber auch sehr froh darüber, dass nicht nur ich den Kindern zeige, wieviel Spaß man an Büchern hat, sondern das mein Mann ihnen hier ebenso ein Vorbild ist. Gerade weil wir zwei Jungs haben, finde ich das schön. Es ist aber nichts, was wir uns erziehungsmäßig vorgenommen haben, sondern wir lieben es beide zu lesen. Und wir lesen auch beide gerne und viel vor!

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    1. Freut mich, dass Ihnen der Beitrag gefallen hat. Da scheint ja tatsächlich einiges ähnlich zu laufen bei Ihnen und uns zu Haus. :-)

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