Und die Farben tanzen auf dem Papier: Über Illustration im Kinderbuch, Teil 1

Stellen Sie sich einmal vor, Sie lesen eine gute Kinderbuchgeschichte. Dann legt man Ihnen ein Blatt weißes Papier vor, gibt Ihnen eine Auswahl verschiedener Stifte - Buntstifte, Bleistifte, Kreide, Gouache-Farben, Aquarell-Farben - und fragt Sie, ob Sie nicht ein, zwei Bilder zur Geschichte malen könnten. Noch völlig von der Geschichte begeistert machen Sie sich ans Werk und... stolpern.

Wie sollen die Farben auf dem Papier denn nun tanzen?


In so ähnlicher Art und Weise ergeht es den Illustratoren, die sich der Aufgabe verschrieben haben, Kinderbücher bildnerisch zu begleiten. Eine Illustration ist die visuelle Begleitung des Autors. Das Bild muß zum Text passen, der Text zum Bild. Der Illustrator nimmt die Aussagen, die Stimmung, die Buchidee des Autors auf und setzt es mit seinen Stilmitteln bildnerisch um.

Wie schnell schaut man sich ein Bilderbuch an, hat die 32 Seiten durchgeblättert und urteilt darüber. Sofort ist dem Leser klar, ob ihm das Buch gefällt oder nicht. Es ist eine Bauchstimmung, die in hohem Maße mit Technik und Kunst, aber auch mit persönlichem Gefallen zu tun hat. Fragt man jedoch den Leser, warum ihm das Buch gefallen hat oder nicht, wird es schwierig, es an einzelnen Dingen festzumachen.

Also Illustrationen begleiten den Text, nehmen die Stimmung wahr, und Illustratoren geben sie mit hohem künstlerisch-technischem Können wider. Zugleich müssen sie die kognitiven Fähigkeiten der Zielgruppe im Lesealter beachten. Je jünger die Kinder sind, desto realistischer und klarer im Bildaufbau müssen die Illustrationen sein, damit die jüngeren Kinder sie gut aufnehmen können. Ab Kindergartenalter steigt das Abstraktionskönnen. Die Kinder entwickeln eine Fantasie, die vielschichtig und mit realen Elementen vermischt ist. Sie kennen nun kulturelle Bildsymbole (Beispiel: Handwinken = Verabschiedung) und ihre Bedeutung, können Emotionen und ihr entsprechende Körper- und Mimikhaltung benennen. Je mehr unterschiedliche Bilder die Kinder gesehen haben, je mehr mit ihnen über ihre Bedeutung in unserem Kulturkreis gesprochen wurde, desto mehr verstehen sie Abstraktionen und (humoristische) Bildspielereien. Erst wenn Bild und Text zueinander passen, ist der Leser begeistert.

Was soll erzählt werden?

Der Illustrator muß sich als erstes Gedanken machen, welche Szene er visuell darstellen will. Vor allem bei Bilderbüchern ist der Text nicht lang. Der Plot erzählt der Autor in wenigen, kurzen Sätzen. Für viele Beschreibungen ist kein Platz. Hier steckt die Freiheit und gleichzeitig die Schwierigkeit des Illustrators.
Hier nimmt das Bild den Text in seiner Aussage auf. Guido van Genechten: Mit Papa allein zu Haus. Boje 2011
Soll er eine Handlung zeigen oder eine Stimmung? Welche Personen sollen gezeigt werden? Welche Einzelszene? Wiederholt das Bild die Textaussage oder erzählt sie viel mehr, gibt es also eine zweite Erzählebene, die nur visuell zu erleben ist?
Im Bild werden andere Handlungen dargestellt als im Text geschildert. Hetty Krist, Marta, Lychatz Verlag 2013


Wie sehen die Personen und Gegenstände aus?

Nachdem der grobe Inhalt einer Bildszene geklärt ist, geht es mit der Frage weiter, wie die Figuren aussehen. Auch  hier steht die zu transportierende Stimmung im Vordergrund.
Die Figuren sind iin voller Größe dargestellt. Tiere übernehmen menschliche Handlungen. Aus:
Katja Reider - Ich will das HABEN! Teilen macht Freu(n)de, Coppenrath Verlag 2015
Werden die Figuren in voller Größe oder nur ausschnittsweise gezeigt? Und welcher Ausschnitt dann? Sind sie als Menschen oder vermenschlicht in Tiergestalt? Gibt es die klassische Dreiteilung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund? Wird im Text erwähnt und wie ausführlich, wie die Figuren und die Umgebung aussieht?
Von hinten sieht man das Fahrrad. Der Mensch, man weiß nicht, ob Junge oder Mädchen, ist ausschnittweise angedeutet. Der weiße Hintergrund, der fehlende Mittelgrund verstärkt die Wirkung. Aus: Peter Engel, Mit dem Rad zu Opa, Lappan Verlag 2014
Wie stark ist die Körpersprache der Figuren ausgestaltet: erkennt man an Mimik und Gestik ihr Emotion? Ist die Nase groß oder klein, knubbelig oder spitz? Sind die Haare blond und die Augen braun? Erkennt man, ob es sich beim Kind um ein Mädchen oder ein Junge handelt?
In der Körperhaltung der Mutter erkennt man sofort ihre Verzweiflung und Trauer. Aus:
Christiane Tilly, Anja Offermann - Mama, Mia und das Schleuderprogram, Balance Verlag 2013
Auch in den Detailfragen geht es ums Ganze: wie detailliert hat der Illustrator die Figur gestaltet? Erkennt man das Stoffmuster, die Struktur der Haare (Locken, glatt)? Wie sieht die Kleidung aus? Ist sie modern, hat sie Flicken oder Flecken? Wie sieht die Umgebung aus, in der die Handlung spielt: ist die Wohnungseinrichtung detailgenau oder nur angedeutet?
Detailreich ist das Zimmer eingerichtet. Aus:
Anna Karina Birkenstock - Mein Suchbuch mit Lille und Löw, arsEdition 2016


Ich habe in den Abschnitten mit den Fragen nur die Komplexität angedeutet, denn es ist ein Vielfaches, was der Illustrator beachten muß. Ich möchte mit den Hinweisen die Blicke für die Arbeit der Künstler schärfen. Im zweiten Teil geht es dann um Perpektiven, Technik und Farbe.

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