Ab 6 Jahre: Meike Haberstock - Anton hat Zeit, aber keine Ahnung, warum!

Foto: W. Bönisch
Inhalt:
Der sechsjährige Anton versteht es nicht so recht. Immer, wenn er die Anweisungen seiner Mutter ganz genau befolgt, jammert sie herum, wo die Zeit geblieben ist und hetzt ihn. Zudem scheinen Erwachsenen immer mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. Schnell werden sie wütend, wenn er oder die anderen Kinder sich  nicht beeilen. Scheinbar hat Anton viel Zeit, aber die Erwachsenen nicht. Warum ist das so?


Meinung:
Zeit ist ein widersprüchliches Phänomen. Als Kind hat man davon ganz viel. Da ist immer Jetzt. Je älter man wird, desto schneller vergeht sie. Die Minuten, Tage, Wochen, Monate und Jahre rasen nur so dahin. Macht man eine Sache ungern, zieht sich die Zeit. Ist man mit Begeisterung dabei, verfliegt sie. Wie erklärt man also diese Widersprüchlichkeiten der Zeit einem Kind? Meike Haberstock hat sich diesem Thema in ihrem 2015 im Oetinger Verlag erschienen Kinderbuch "Anton hat Zeit, aber keine Ahnung, warum!" angenommen.
Anton ist sechs Jahre alt und geht seit kurzem in die Schule. Er lebt zusammen mit seiner Mutter in einer Wohnung im vierten Stock in der Margaretengasse 56. Die Uhr lesen kann er noch nicht. Schon seit längerem wundert sich Anton, wie das mit der Zeit ist. Ständig fragt seine Mutter, "Himmel, wo ist nur schon wieder die Zeit geblieben?", wobei Anton sich schon fragt, was der Himmel (die Wolken, die Sonne, die Sterne) mit dieser Frage zu tun hat. Anton versucht eigentlich, so oft wie möglich es so zu machen, wie es seine Mutter wünscht - meistens jedenfalls. Zum Beispiel früh morgens, wenn er langsam und ordentlich sein Hasen-Toast essen soll. In der Zeit wuselt seine Mutter durch die Wohnung und macht ganz viele Dinge auf einmal. Also immer mehr als Anton, der langsam und ordentlich (2 Dinge!) sein Frühstück ißt. Und dann ruft plötzlich seine Mutter wieder, wo die Zeit nur geblieben ist. Anton merkt, daß er als Kind irgendwie mehr Zeit als seine Mutter hat. Und mit den anderen Erwachsenen ist ebenso, wie mit dem Busfahrer oder der Mutter seiner Freundin Marie. Warum ist es eigentlich so? Was hat es mit der Zeit auf sich? Und warum muß Anton die Uhr dafür kennen?
Foto: W. Bönisch
Die Geschichte ist einfach phänomenal. Konsequent schreibt Meike Haberstock sie aus der Sichtweise von Anton. Jeder Gedanke, jede Handlung im Plot ist von Anton vorangetrieben. Sie wechselt nie die Position. Darin liegt der Reiz des fantanstischen Kinderbuches aus. Denn mit dieser Herangehensweise erschafft sie die vielen komischen Situationen, den Humor im Erzählstil, obwohl er eigentlich toternst ist. Ja, läßt man sich auf die Sichtweise des Kindes ein, ist es schon komisch, daß die Uhr sich nicht so recht zwischen den vielen Zahlen entscheiden kann. Herrlich ist die Stelle, als Anton an einem Feiertag die Rolle der Mutter übernimmt, sie mit einem Frühstückstisch (Möhren, Leberwurst aus der Dose und Schokostreußeln, statt brennenden Kerzen - weil er keine Streichhölzer selber anzünden darf - eine Taschenlampe nutzt)  und waschender Wäsche in der Spülmaschine, weil die Waschmaschine noch belegt ist, überraschen will. Vieles erinnert - wie schon der ähnliche Name an sich - an das Kinderbuch "Alfons Zitterbacke". Wie Alfons will Anton es besonders recht machen, macht sich genau seine (Kinder)Gedanken dazu und kollidiert damit mit den Vorstellungen und unausgesprochenen Erwartungen der Erwachsenen. Übrigens ist es der altersweise Opa, der Anton am Ende das Phänomen Zeit erklärt.
Foto: W. Bönisch
Nicht nur von dem witzigen, dynamischen Plot lebt das Buch. Nein, erst die erklärenden-erzählenden Illustrationen der Autorin, die sogar in den Lesetext verwoben sind, machen dieses Buch zu etwas Besonderem. In knalliger, schräger Comicart mit realistischen Ansätzen nimmt Haberstock einzelne Szenen oder Sätze bildlich auf. Dabei experimentiert sie mit ungewöhnlichen Farbkombinationen. Durch Pfeile bindet sie die kleinen Zeichnungen in den Text ein. Ab und zu findet man auch Sprechblasen mit Kurzsätzen, die wie eingeschobene Bemerkungen, ein Dazwischenquatschen wirken. Das ist Witz und Humor pur!
Herrlich sind auch die Einschübe am Beginn eines Kapitels, in der Haberstock mittels schrägen Vergleichen zeigt, wieviele Wörter das Kapitel hat und wie lange es dauert, es zu lesen. Zahlen und Zeitvergleiche spielen im gesamten Buch in einere Leichtigkeit eine große Rolle. Oft tragen sie auch zum Sprachwitz bei.
Mit "Anton hat Zeit, aber keine Ahnung, warum!" ist Meike Haberstock ein unterhaltsames, urkomisches und zugleich so ernstes Meisterstück über das Thema Zeit gelungen. Sie erklärt den Kindern nicht nur perfekt die Widersprüchlichkeit der Zeit, sondern gibt auch so manchem vorlesenden Erwachsenen ein Denkzettel mit.


Meike Haberstock - Anton hat Zeit, aber keine Ahnung, warum!
Oetinger Verlag, Hamburg 2015
ISBN: 978-3789137297
Illustration: Meike Haberstock
Ausstattung: 112 Seiten, Hardcover
Preis: 12,99 €
Vom Verlag empfohlenes Lesealter: ab 6 Jahre

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