Replik zu Schweikarts Kritik am Deutschen Jugendliteraturpreis

Ralf Schweikart, der sich seit Jahren als Rezensent und Lektor im Kinder- und Jugendbuchbereich bewegt, hat in Welt online eine doch harsche Kritik am Deutschen Jugendpreis veröffentlicht. Schon der Titel "So wie er ist, kann dieser Preis nicht bleiben" macht deutlich, daß hier nicht mit Samthandschuhen die Preisvergabe angefaßt wird.
Auf vier Punkte kann man Schweikarts Kritik zusammenfassen, die ich mal aus meiner (Frischlings)Perspektive hier kommentiere.



  1. zu viele internationale Bücher, Übersetzungen ins Deutsche, werden ausgezeichnet:
    Die mangelnde Förderung deutscher Kinder- und Jugendbuchautoren wird seit geraumer Zeit lautstark kritisiert. Schaut man sich die Menge der ins Deutsche übersetzten Bücher an, die die Verlage Saison für Saison herausbringen, dann hat Schweikart recht, wenn er die hohe Auszeichnungsquote übersetzter Werke beim Deutschen Jugendliteraturpreis kritisiert. Schnell kommt Schweikart zu dem Gedanken, den Preis mit dem Fördergedanken zu verbinden. Nur dann geht das Gehacke um den Geldtopf los. Und die Fragen, Diskussionen, die dann unweigerlich aufkommen werden, heißen, wie hoch müsse der Geldtopf sein, wer hätte berechtigten Zugang dazu und werden sich die Verlage dann nicht auf dem staatlichen Geld ausruhen, um deutsche Kinderbuchautoren zu fördern und mit dem sonstigen Geld nicht weiterhin die in der Produktion billigeren Lizenzen einkaufen? Schweikart weist auf die deutsche Filmförderung hin. Nur steht diese gerade in letzter Zeit in ihrer Förderung US-amerikanischer Co-Produktionen, die in Deutschland gedreht werden, massiv in der Kritik. So ähnlich wird dann die Diskussion bei einem staatlichen Kinder- und Jugendliteraturtopf sein.
    Definitiv richtig ist seine Aussage, daß die Jury mit ihrer Vergabe sehr wohl einen hohen symbolischen Einfluß auf das Verhältnis Übersetzung vs. Förderung deutscher Autoren hat. Interessant wären hier die Meinungen der Jurymitglieder. Vielleicht äußern sie sich irgendwann einmal dazu.
  2. der Preis geht an die Autoren, die ja die Zielgruppe kaum kennt.
    So ganz stimmt diese Aussage nicht. Sehr wohl kennen Kinder und Jugendliche ihre (Lieblings)Autoren bei Namen. Wenn ich an meine Zeit zurück denke, erging es mir so sehr wohl. Natürlich muß man hier in den verschiedenen Altersgruppen differenzieren. Ein Jugendbuchautor hat höhere Chancen auf einen hohen Bekanntheitsgrad als ein Bilderbuchautor für Zweijährige.
    Mir völlig schleierhaft ist die provozierende Aussage, warum der Preis an die Autoren geht. An wen soll der Preis denn sonst gehen? An die Verlage? Da höre ich ja jetzt schon den Riesenaufschrei, denn Verlage sind für die Kinder wirklich uninteressanter. Nein, daß die Autoren als Urheber den Preis für ihre Arbeit bekommen, ist richtig.
  3. Der Kinder- und Jugendliteratur wird zu wenig  bzw. gar kein Platz im Feuilleton gelassen:
    Die Sparte wird von der "großen Literatur" und ihren Multiplikatoren überhaupt nicht ernst- und wahrgenommen. Nun denn. In der klassischen stimmt diese Aussage sehr, auch wenn diverse Programme öffentlich-rechtlicher Funkanstalten sehr wohl über Kinder- und Jugendbuchliteratur berichten. Beispielsweise sendet MDR Figaro zu beiden Buchmessen ein Rezensions- und Interviewmagazin über Kinderbücher. Natürlich kann man hier einwerfen, daß die Erwachsenenzeit und somit letztlich auch die Konsumentenzeit definitiv ein paar Jahrzehnte länger als die Kindheit dauert. Überdies wurde und wird die Frage der Ernsthaftigkeit bzw. Bedeutung schon immer diskutiert. Aber schaue ich in den Online-Bereich, so beschäftigen sich doch mehr Menschen intensiv mit dieser Literatursparte. Da ist in den letzten 10 Jahren ein ganz anderer Wind aufgekommen, der zwar noch in den Kinderschuhen steckt, aber großes Potential birgt.
  4. die Jury wäre unbekannt:
    Dieses Argument ist für mich ein absolutes Scheinargument, denn bei anderen Preisen ist es doch ähnlich. Für mich ist es kein Grund, an den Grundfesten des Preises zu rütteln.

Was bleibt an der Kritik am Preis?

Nicht wirklich viel. Ja, solche Preisverleihungen haben oft einen hohen selbstreferentiellen Charakter. Ja, ihnen haftet mehr Symbolik als faktischer Einfluß an. Aber Schweikarts Kritik richtet sich an die falsche Zielperson. Denn es ist nicht der Preis, der hier kritisiert wird, sondern die Bedeutung der Kinder- und Jugendliteratur im Gesamtliteraturbetrieb. Und sie ist keineswegs allein abhängig von diesem Preis.

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