Mit einem guten Buch Kinder zum Lesen verführen - Interview mit Zapf

Vor zwei Jahren entdeckte ich den Kinderbuchautor- und -illustrator Zapf das erste Mal. Gemeinsam mit Jochen Till erschien bei Tulipan das Bilderbuch "Ich bin für dich da!", in dem ein Stachelschwein eine traurige Giraffe tröstet. Dieses Bilderbuch zeichneten wir mit dem Buchkönig aus.
Daß Zapf ein genialer Autor ist, zeigt sich wieder in seinem nächsten Werk, dem Erstlesebuch "Drachen an den Start", das ich vor ein paar Tagen hier im Blog vorstellte. Nun wollte ich mehr zum Buch und über Zapf wissen und durfte ihn in einem Interview löchern. Auf geht's!

Wenn Sie ein Drachenreiter wären, würden Sie sich im Sturm verstecken oder lieber schnell über die Wolken fliegen?
Natürlich über die Wolken fliegen! Da ist der Sturz zwar tiefer, aber dafür ist die Aussicht besser.

Für die Leser müssen wir den Einstieg ins Interview erklären. Jetzt im Januar 2019 ist im Tulipan Ihr neues Kinderbuch „Drachen an den Start“ erschienen, in dem 4 Drachenreiter einen Wettkampf bestr…

Gütesiegel Buchkindergärten - gut gemeint, schlecht gemacht

Foto: ElisaRiva, pixabay.com
Gestern hörte ich im Radio in den Kulturnachrichten, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels suche Kindergärten, die sich besonders in ihrem Konzept aufs Vorlesen, aufs Buch konzentrieren und sich heuer mit dem Gütesiegel "Buchkindergärten" auszeichnen lassen wollen.
Das Projekt ist eine Zusammenarbeit des Börsenvereins und des Deutschen Bibliotheksverbandes. Es steht unter der Schirmherrschaft des bekannten Kinderbuchautors Paul Maar.
Ich stelle es jetzt mit kritischen Anmerkungen näher vor. Denn für mich fällt dieses Projekt unter gut gemeint, aber jetzt in der wichtigen Bewerbungsphase als schlecht gemacht.

Wer darf sich bewerben?

In der Pressemitteilung steht recht schwammig, dass Kindergärten "in denen frühe kindliche Erfahrungen rund ums Erzählen, Reimen und Lesen ein Schwerpunkt des pädagogischen Konzepts sind" sich für das Siegel bewerben dürfen. Nun gilt Sprachförderung genuin zur pädagogischen Arbeit mit Kindern. Ich kenne keinen einzigen Erzieher, der nicht den Kindern vorliest, der nicht Fingerspiele im Morgenkreis mit ihnen spielt, der nicht mit einem Tischspruch das Mittagessen eröffnet. Kinderbücher werden als Einstieg in Angebotsprojekte genutzt. Literacy und Sprachentwicklung sowie -förderung gehören zu den Ausbildungsinhalten.
Da frug ich mich schon, was bei diesem Projekt der eine Kindergarten vom anderen besonders unterscheiden solle. Erst nach längerem Suchen fanden sich erste Indizien für die Voraussetzungen, den Gütesiegel zu erhalten. So sollen nach dem Flyer Kindergärten ausgezeichnet werden, in denen den Kindern regelmäßig vorgelesen wird, die aktiv Sprache vermitteln und fördern, die altersgerecht Medien nutzen, die eine gepflegte Kindergarten-Bücherei haben, die mit einer Bücherei oder Buchhandlung zusammenarbeiten, die Elternarbeit zum Vorlesen aufweisen, die ihre Mitarbeiter zu Literacy, Sprachförderung, Sprachvermittlung und Sprachentwicklung fortbilden lassen und noch andere Buchprojekte nachweisen können.

Ganz ehrlich? Selbst diese Hinweise sind dermaßen schwammig, allgemein haltend, wenn man die tradierte und gelebte Rolle der Kindergärten in der Sprach- und Literaturförderung im Hinterkopf bedenkt, und ja nichtssagend. Was heißt beispielsweise Elternarbeit zum Vorlesen: sollen Eltern regelmäßig vorlesen? Reicht - übertrieben gesagt - einmal im Jahr aus? Oder sollen Eltern in der Kinderliteratur, in der Sprachvermittlung Weiterbildungsveranstaltungen von den Kindergärten beispielsweise auf einem Elternabend angeboten bekommen? Wie sieht denn eine passive Sprachvermittlung im Kindergarten aus? Die Erzieher kommunizieren permanent mit den Kindern. Alltagsintegrierte Sprachförderung ist Standard. Und ist der Dorfkindergarten, der bis zur nächsten Bibliothek oder Buchhandlung 20 km entfernt liegt, in der Sprachförderung schlechter? Wird er in der Jurybewertung benachteiligt? Schwammig, schwammig, schwammig sind die Anforderung.
Bis 31. Mai 2019 können sich Kindergärten bewerben. Danach entscheidet eine Jury aus Buchhändlern, Bibliothekaren und Erziehern (wer genau ist derzeit unbekannt) und wählt die Gewinner aus. Drei Jahre darf der auserwählte Kindergarten das Siegel mit einer Plakette führen. Wie viele Gewinner es letztendlich gibt, steht in den Sternen.

Was hat der Kindergarten vom Gütesiegel?

Der auserwählte Kindergarten bekommt eine Plakette mit dem Gütesiegel "Buchkindergärten". Ansonsten habe ich nichts gefunden. Keine gesponserten Fortbildungen für die Erzieher. Keine Bücherpakete. Keine gesponserten Ausflüge für die Kinder. Keine Hilfsmittel zur Sprachförderung wie Kamishibai, Erzählschiene, Schattentheater. Keine Fachliteratur für die Erzieher. Keine große Fortbildungsveranstaltung für die Eltern. Keine Anerkennung für die ehrenamtlichen Lesepaten, die die Kindergärten in der Bewerbung vorweisen sollen. DAS ist ein UNGLEICHGEWICHT. Denn was soll die Plakette bewirken? Dass sich mehr Eltern für den Kindergarten entscheiden? Da spielen andere Faktoren wie die Nähe zur Wohnung oder zum Arbeitsweg, Geschwisterkinder, möglichst den Platz zum Wunschtermin bekommend einen viel größeren Einfluss als eine Plakette, die den meisten ziemlich egal und nichts sagend sein wird. Da hätte ich viel mehr von dem Projekt erwartet. Schließlich stehen zwei sehr große Verbände dahinter. Die Plakette hat eine Symbolkraft, die in der Realität nichts verändert.

Gut gemeint, schlecht gemacht

Grundsätzlich finde ich das Engagement des Börsenvereins und des Buchhandels lobenswert. Es ist großartig, wenn da ein Projekt mit Konzentration auf die Kindergärten angestoßen wird. Doch meiner Meinung nach ist es mehr Schein als Sein. Ich erwarte mehr, weil auch zahlreiche Verlage mit an Bord geholt worden sind. Für mich ist es mehr ein Prestige-Projekt der beiden Verbände und letztlich der Verlage, bei dem für die Kinder NICHTS ankommt.
Wenn man Literatur- und Sprachvermittlung in Kindergärten fördern wollte, hätte man den Willen dazu bei den Kindergärten mit einer Bewerbung feststellen können und dann ganz real ihnen geholfen: Fortbildungen für Erzieher vor Ort ermöglichen, Buchabos bereit stellen, Bücherkisten verschenken, Hilfsmittel anbieten. Denn ich verweise gerne wiederholt darauf, dass Sprachvermittlung SCHON IMMER eine Hauptrolle in der frühkindlichen pädagogischen Arbeit spielte, dass Erzieher sehr wohl sich dessen bewusst sind und dies mit viel Engagement umsetzen. Jedoch mit 50 € Jahresbudget nur schwer neue Kinderbücher en masse angeschafft werden können, wie ich schon vor vier Jahren hier berichtete. Es ist nicht der Wille, der fehlt. Es sind die miesen Rahmenbedingungen vor Ort, das fehlende Geld in der Kommune. HIER hätte der Börsenverein mit seinem Projekt ansetzen müssen und TATSÄCHLICH viel Gutes bewirken können. Doch so wie die Beschreibungen auf der Projektseite hinweisen, ist viel Lärm um nichts. Schade.


Kommentare

  1. Liebe Frau Bönisch,

    danke für Ihr Feedback. Zunächst: Das Gütesiegel debütiert in diesem Jahr und soll in den Folgejahren natürlich fortgesetzt werden. Wir haben nicht den Anspruch, ein vom Start her perfektes Projekt auf die Beine zu stellen, sondern rechnen damit, Einzelheiten anzupassen bzw. zu verbessern. Deswegen wissen wir Ihr Feedback auch sehr zu schätzen!

    Die Jury geben wir dieser Tage noch bekannt. Wir wollten zunächst die Teilnahme aller Juroren „wasserdicht“ machen.

    Wir sind völlig bei Ihnen: Wir brauchen höhere Etats für die frühkindliche Leseförderung. Kindergärten und Kindertagesstätten benötigen ausreichende Budgets für die Beschaffung von Büchern. Der Stellenwert von Büchern im frühkindlichen Alltag kann nicht deutlich genug immer wieder betont werden. Als direkter Geldgeber können wir als Verband der Buchhandlungen, der Verlage und des Zwischenbuchhandels in diesem Bereich nicht fungieren. Wir können aber an anderer Stelle helfen. Nämlich indem wir den Scheinwerfer auf die besonders guten Einrichtungen richten, die Leseförderung auf einem höheren Niveau betreiben. Denn selbst wenn man Ihnen zugesteht, dass alle Einrichtungen Leseförderung betreiben, so gibt es doch einige, die das besonders gut machen. Das Gütesiegel ist eine Anerkennung, die hoffentlich auch politisch zu mehr Förderung führt.

    Übrigens: Wir haben zum Beispiel in Berlin sehr gute Erfahrungen mit dem „Gütesiegel Leseförderung“ (https://www.berlinerbuchhandel.de//de/berlin_brandenburg/Guetesiegel/199187) für Buchhandlungen gemacht und sind überzeugt, dass wir den Erfolg dieser Gütesiegel auf die für Bücherkindergärten übertragen können.

    Viele Grüße!
    Irmgard Clausen
    (Sprecherin der IG Leseförderung im Börsenverein)

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    1. Liebe Frau Clausen, vielen Dank für Ihren Kommentar, was bei so einer Kritik ja nicht immer leicht ist und auch gemacht wird. Ich stelle mal eine ganz konkrete Frage: Sie haben doch die wunderbare Mitglieder im Verein, die über viel Wissen im Kinderbuchmachen, in der Qualitätssicherung usw. verfügen - ich denke hier an Lektoren, ja an Illustratoren, an Verleger wie Monika Osbergshaus vom Klett Kinderbuchverlag. Warum bieten Sie für die Ausgezeichneten nicht Fortbildungen an? Holen Sie sich beispielsweise den Don Bosco Verlag an Bord. Er ist ein spezialisierter Fachverlag genau in diesem Themengebiet. Er hat viele tolle Autoren wie Gabi Scherzer mit ihrer Erzählschiene bei der Hand. Oder die Beltz Gruppe bietet das Minimax-Abo an: warum nicht für ein Jahr ein Abo für die Ausgezeichneten?
      Die Leitungen in den Kindergärten kämpfen mit ganz realen, wichtigeren Problemen wie akuten Personalmangel (unterbesetzte Stellen, Krankheitsausfälle). Nicht jede Leitung ist von der Gruppenarbeit freigestellt. Ich denke einfach, daß sie wenig Zeit für eine Bewerbung haben, die ihnen nichts außer ein Symbol bringt. Das wäre für die an sich gute Aktion doch schade.
      Zudem hoffe ich, daß nicht die ländlichen Kitas benachteiligt werden, wenn sie eben ganz realiter keine Chance auf eine Kooperation mit einer örtlichen Buchhandlung oder Bibliothek haben, da es sie schlichtweg nicht gibt.

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