Buchblogger vs. Literaturkritiker: Wo bleibt die Professionalisierung?

Die Tage geht eine Erörterung über den Gegensatz zwischen professionellen Literaturkritikern, wie man sie hauptsächlich im Feuilleton der Tageszeitungen findet, und den Laienkritikern in Form von Buchbloggern herum. Ausgangspunkt war ein Artikel von Caterina Kirsten im Börsenblatt. Sie schreibt darin, daß Laienkritiker eine Lücke in der Literaturkritik füllen. Denn sie finden im Gegensatz zu den professionellen Literaturkritikern im Feuilleton eine breitere Zielgruppe, weil sie persönlicher auftreten (Ich-Stil), emotionaler besprechen, ihre Gedanken bei der Lektüre darlegen und vor allem eine zielaffiniere Sprache verwenden.
Ihr Beitrag bekam großen Beifall. Dagmar Eckhardt von Geschichtenagentin springt ihr bei und klassifiziert Buchblogger in ihrer Funktion als Laienkritiker als Buch-Botschafter. Sie sieht sich explizit nicht als Literaturkritikerin,
denn die Rolle des Kritikers steht für mich in einer wissenschaftlichen Tradition, deren Erfüllung mir nicht wichtig ist. (Quelle: http://blog.geschichtenagentin.de/laienkritiker-pickel-und-die-nonne-mit-dem-judo-buch/)
Nebensatz: mir ist die wissenschaftliche Tradition, die Dagmar Eckhardt andeutet, nicht ganz klar. Vielleicht präzisiert sie diesen Punkt noch einmal.
Nun, ich teile die Sichtweise beider Kollegin nicht. Sehr wohl verstehe ich mich als Literaturkritikerin. Ja, ich maße mir diese Rolle an, denn meinen Rezensionen liegen die Punkte einer Literaturkritik zugrunde. Ich stelle das Buch vor, den Inhalt deute ich an, ohne das Ende zu verraten, ich ordne das Buch in seinem Sprachstil, in der Plotentwicklung und im Illustrationsstil hinsichtlich seiner Zielsetzung und gegenüber anderen Werken ein. Meine berufliche Ausbildung liegt im wissenschaftlichen Bereich, bei der ich eine klare, auch unpersönlich-wissenschaftliche Sprache verinnerlicht habe. Ich möchte inhaltlich und sprachlich eine gute Rezension schreiben.

Wo bleibt die Professionalisierung?



Was stört mich denn nun an den Positionen der beiden Kolleginnen, nachdem ich beschrieben habe, wie ich mich als Buchbloggerin sehe? Es ist die Frage der Professionalisierung! An ihr hängt gerade die Entwicklung der Buchblogs, ihre Akzeptanz bei den Verlagen und Autoren über die reine Werbeplattform hinaus ab.
Die Anzahl der Buchblogs ist gefühlt unendlich: da gibt es Perlen, und es gibt viel Schrott. Dort merkt man der Besprechung die intensive Beschäftigung des Bloggers an, da besteht die "Rezension" aus dem abgekupferten Covertext plus einem nichtssagenden "schönes Buch". Dort interviewt der Buchblogger Autoren und Verlagsmitarbeiter, berichtet über Neuigkeiten, stößt (fachliche) Diskussionen an, da reihen sich schlechte Besprechungen an schlechte Besprechungen in Fließbandarbeit.
Und dazwischen? Da gibt es die ganze Farbpalette.

Was heißt den Professionalisierung überhaupt?

Zunächst ist es die Buchkritik an sich. Entspricht sie den oben genannten Maßstäben, dann ist für mich der Text gleichwertig wie in einem Feuilleton, wobei man gerechterweise sagen muß, daß dort viel selbreferenzielle und selbstverliebte Texte zu lesen sind.
Professionalisierung geht aber noch weiter. Sie geht mit einer Ernsthaftigkeit und einem tiefgehenden Interesse am Gegenstand einher, die man sofort spürt. Sie ist gepaart mit einer Zuverlässigkeit für den Buchpartner und für den Leser. Regelmäßige Besprechungen im Rahmen dessen, wie die in ihrer Freizeit den Blog betreibende Literaturkritiker aufbringen können, können auch zwei, drei in einem Monat sein.
Zuverlässigkeit geht noch weiter: die Verlage/Autoren erhalten sofort die Beleglinks der Besprechung, es gibt klar kommunizierte Regeln des Bloggers für seine Rezensionen bzgl. Anfragen. Wenn der Blogger dann bei seinen Partnern nicht den Eindruck hinterläßt, er will nur die angesagtesten Bücher haben, sondern blickt auch mal nach links und nach rechts, übernimmt eine Besprechung eines Werkes, das ihn nicht gleich in den Bann zieht, und ist der Besprechungstext in seinem Blog überhaupt technisch-visuell lesbar (also keine fünffarbige extreme "Mädchenschrift" auf rosa-blinkendem Hintergrund) dann arbeitet er professionell und gleichwertig wie der Feuilletonist.

Anspruch für jeden?

Am Ende bleibt noch eine Frage über, die letztlich Dagmar Eckhardt aufgeworfen hat. Will der einzelne Buchblogger überhaupt ein professioneller Literaturkritiker sein? Dagmar Eckhardt verneint es für sich, ich selbst habe zumindest den Anspruch. Nicht zwingend muß jeder Buchblogger vor Augen haben, dem professionellen Kritiker gleich zu sein. Auch hier gilt die Farbpalette und die persönliche Entscheidung. Nur solle man am Ende zu ihr stehen: vor sich selbst, vor der Öffentlichkeit. Dann gilt kein Jammern, dann gilt Handeln. Und dann erübrigt sich die Diskussion über den Gegensatz zwischen professionellem Literaturkritiker und Laienkritiker. Denn es gibt den professionellen Kritiker im Buchblog, es gibt den semi-professionellen und den Laie. Die Grenzen verschwinden, denn am Ende ist die Tageszeitung ein Medium wie das Blog. Der Mensch dahinter bestimmt die Ausrichtung, die gewollte und anvisierte Professionalisierung, die Position. Zum guten Schluß: der Laie findet sein dankbares Publikum, der Buch-Botschafter und der professionelle Literaturkritiker. So ist es richtig. So ist es gut.

Kommentare

  1. Ich ahnte schon, als ich meinen Artkel am nächsten Tag noch einmal las, dass die "wissenschaftliche Tradition" erklärungsbedürftig ist ;-)
    Gemeint ist folgendes:
    Es gibt klare Regeln, wie eine Rezension aufzubauen ist. Diese interessieren mich nur beiläufig. Daran, ein Werk in seinen literaturgeschichtlichen Kontext einzuordnen, bin ich überhaupt nicht interessiert.

    Ich glaube, ich verpasse meinem Beitrag mal noch ein Update.

    Und auch ob die Frage der Professionalisierung über die Wahrnehmung der Buchblogs entscheidet, bin ich mir nicht so sicher. Authentizität halte ich immer noch für das wichtigere Kriterium. Aber wir werden sehen, wo die Reise hingehen wird!

    Liebe Grüße
    Dagmar

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  2. Danke für die Konkretisierung.

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