"Freude an Vielfalt und die Liebe zu schönen Büchern" - Interview mit Andrea Schraml, Lektorin bei NordSüd Verlag



NordSüd präsentiert sich auf seiner Webseite
Der Schweizer Kinderbuchverlag NordSüd kennt bestimmt fast jeder Leser. 1961 von Dimitri und Brigitte Sidjanskiin Zürich gegründet, gehört er zu den bekanntesten und renommiertesten Kinder- und Bilderbuchverlagen im deutschsprachigen und internationalen Raum. Jährlich erscheinen ca. 40 neue Titel, über 350 Kinderbücher sind im Programm lieferbar.
Es freut mich daher sehr, daß ich die Gelegenheit habe, der Bilderbuchlektorin Andrea Schraml meine neugierigen Fragen zu stellen. Sie hat sich die Zeit genommen, sie ausführlich zu beantworten und gibt uns einen Einblick, was ein typisches NordSüd-Kinderbuch ausmacht, wie ihr täglicher Arbeitstag ausschaut, wie sie zum Lektorat gekommen ist, wie der Verlag Autoren gewinnt. Zudem haben wir darüber gesprochen, wie politisch, wie künstlerisch, wie anspruchsvoll ein Kinderbuch sein darf sowie über die Rolle von E-Books und Selfpublishing im Kinder- und Jugendbuchbereich.

Liebe Frau Schraml, etwa 8000 Neuerscheinungen gibt es jährlich im Kinder- und Jugendbuchbereich. Provokativ gefragt: sind es zu viele?
Das ist natürlich eine beeindruckende Zahl, aber: Gehören da auch alle Mini-Pappbücher, Malhefte und sonstiges dazu? Generell ist es mir lieber, es sind zu viele Kinder- und Jugendbücher als zu wenige. Die Zahl zeigt immerhin, dass wir einen lebendigen Kinder- und Jugendbuchmarkt haben.

Sie sind Lektorin beim NordSüd Verlag. Wie war Ihr Weg zum Lektorat?
Bezeichnenderweise fing alles mit einem Buch an. Mit 16 Jahren habe ich „Bücher und Büchermacher“ gelesen (heute noch lieferbar!). Von da an war ich wild entschlossen, eine „Büchermacherin“ zu werden. Ich habe Germanistik und Kunstgeschichte studiert und hatte direkt im Anschluss den Einstieg ins Verlagsleben. Damals in der Sparte Geschenkbuch. Seit sieben Jahren bin ich Lektorin bei NordSüd.

Wie sieht denn Ihr täglicher Arbeitstag aus?
Alles dreht sich ums Buch. Um Projekte, die gerade im Entstehen sind: Hier gilt es eine klare Vision vom Buch mit den Autoren zu entwickeln, Verträge zu verhandeln, Zeitpläne zu erstellen.
Die Bücher im fortgeschrittenen Stadium müssen lektoriert werden. Das heißt stilistisch, inhaltlich und orthographisch werden sie geprüft. Mit den Illustratoren bespreche ich im Einzelnen Skizzen bzw die Ausfertigung der Bilder.
Zur Zeit ist eine Ausgabe von „Sindbad“ im Entstehen. Die iranische Künstlerin Rashin hat wundervolle Bilder zu diesem Klassiker entwickelt. Das war eine bereichernde und spannende Zusammenarbeit. Das Buch erscheint in diesem Herbst.
Dann versuche ich auch immer den Blick offen zu halten für neue Tendenzen auf dem Markt, neue Talente und spannende Ideen. Ich lese die Fachpresse und bin auf bestimmten Blogs unterwegs.
Alles in allem ist es recht abwechslungsreich, und kein Tag wie der andere.

Als Lektorin sind Sie maßgeblich am Verlagsprogramm, an seiner Ausrichtung beteiligt. Was ist ein typisches NordSüd-Buch? Wie wahren Sie die Verlagscharakteristik bei den Neuerscheinungen?
Ein einziges typisches NordSüd-Buch könnte ich nicht nennen. Aber eine typische NordSüd-Mischung wäre: Der Regenbogenfisch, Lindbergh, Der kleine Eisbär, Wo ist mein Hut, Heule Eule und Rotkäppchen.
Wir sind mit einem Programm zufrieden, wenn für alle etwas dabei ist. Es sollten klassische, wichtige Kinderthemen genauso vertreten sein, wie ausgefallene, besondere Bücher. Im Fokus steht bei uns die Illustration und Gestaltung der Bücher. Wir lieben schöne Bücher und möchten solche auch selbst publizieren.

Viele Jungautoren haben Hoffnung, mit ihren Manuskripten von einem Verlag angenommen zu werden. Wie gewinnt NordSüd seine neuen Autoren?
Es gibt viele Wege zu NordSüd: Einer führt über die Buchmessen zu uns. Wir bieten dort immer unsere so genannten „Open Hours“ an. Hier können sich Autoren und Illustratoren unangemeldet vorstellen und ihre Arbeiten präsentieren. Dann arbeiten wir auch mit verschiedenen Agenturen zusammen, die uns neue Talente vorstellen. Oder wir finden sie eben selbst. Gerade was Illustratoren anbelangt, gibt es einige Plattformen im Internet oder Veranstaltungen.

Schaue ich mir so manches Bilderbuch an, sehe ich vor allem bei den Illustrationen in den letzten Jahren viele Experimente. Gleichzeitig sind Eltern die Gatekeeper für Kinderbücher. Sie wählen für die Kinder zumeist die Bücher aus. Wie offen sind die Gatekeeper fürs Neue?
Die Eltern als Gatekeeper, also als Wächter, für ihre Kinder sind schon gut. Ich habe selbst eine fast zweijährige Tochter und möchte auch nicht, dass sie ungefiltert alles sieht und kennen lernt. Aber zu streng filtern sollte man auch nicht. Denn Kinder haben gewöhnlich auch Freude an der Vielfalt und reagieren neugierig auf Neues.

Auch inhaltlich wird in den Kinderbüchern Themen angesprochen, die vor zwei, drei Jahrzehnten nicht als passend empfunden wurden. Kann jedes Thema in einem Kinderbuch behandelt werden? Oder anders gefragt: wie politisch, wie künstlerisch, wie anspruchsvoll darf ein Kinderbuch sein?
Ich kann nur für das Bilderbuch sprechen: Mir scheint es so, als hätte sich der Themenkreis in den letzten Jahren erweitert. Das finde ich auch gut so. Denn wir Erwachsenen neigen eher dazu, die Kinder zu unterschätzen. Am liebst würden wir bestimmte „schwierige“ Themen ausklammern, weil wir selbst unsicher werden bei diesen Themen. Aber Kinder reagieren oft noch ganz unbelastet auf bestimmte Themen wie Tod, Krankheit oder die Frage nach Gott. Ich plädiere also dafür, dass auch künstlerische und anspruchsvolle Kinderbücher im Kinderzimmer ihren Platz haben. Politisch sind die meisten Bücher sowieso, auch ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Schließlich werden im Kinderbuch oft Werte vermittelt. Unsere Werte sind geprägt von der westlichen Kultur.

Langsam werden mehr E-Books im Kinder- und Jugendbuchbereich publiziert. Welche Vorteile, welche Nachteile sehen Sie für dieses Format? Welchen Raum werden E-Books in naher Zukunft haben?
An dieser Stelle muss ich mich outen: Ich habe selbst noch nie ein E-Book gelesen und habe es mittelfristig auch nicht vor. Ich sehe aber die Vorteile: unkomplizierte Zugänglichkeit, kein Gewicht im Gepäck ... Ich denke auch, dass die heutige Kinder- und Jugendgeneration mit diesem Medium vertraut sein sollte. Langfristig denke ich nicht, dass das E-Book das herkömmliche Bilderbuch verdrängt. Es ist einfach eine zusätzliche Möglichkeit, gute Geschichten und tolle Bilder zu genießen.

Zunehmend erobern Selfpublisher auf den Kinderbuchmarkt ihren Platz. Sind sie eine Konkurrenz für die Verlage oder ist Selfpublishing ein Sprungbrett im literarischen Schaffen?
Ich sehe Selfpublishing eher als Sprungbrett. Der Autor macht sein Werk sichtbar und erhöht dadurch die Chancen, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.

Zum Schluß: was ist für Sie ein gutes Kinder- oder Jugendbuch?
Auch hier würde ich gerne vom Bilderbuch sprechen, denn ich bin kein Experte für Jugendbücher. Ein gutes Bilderbuch fesselt. Nicht nur inhaltlich, auch optisch und haptisch. Man möchte es am liebsten immer wieder in die Hand nehmen und lesen. Das Buch wird ein Begleiter durch eine Lebensphase. Es berührt uns.
Im besten Fall schafft ein gutes Bilderbuch eine neue Perspektive auf die Welt.

Herzlichen Dank, liebe Frau Schraml, für das interessante Interview!

Kommentare

  1. Tolles Interview! Wirklich sehr spannend!

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  2. Ein sehr schönes und interessantes Interview! Es ist toll, wenn man auf diese Weise ein wenig in die Verlagsarbeit hineinschnuppern kann, wobei ich mich dann auch immer wieder frage, warum ich damals (nach meinem Praktikum und Ferienjob in einem Verlag) nicht auch diesen Weg eingschlagen habe...

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