Das Dilemma (nicht nur) der Kinderbuchautoren

Der NDR sendete gestern einen Beitrag über das Dilemma der Kinderbuchautoren. Kurz zusammengefaßt: von den über 900 professionellen Kinderbuchautoren in Deutschland können nur 25 vom Schreiben leben. 97 Prozent der Kinderbuchautoren brauchen einen Brotberuf oder andere Erwerbsquellen, um sich ihr Leben und letztlich auch das Schreiben finanzieren zu können. Liest man diese Zahlen, ist es ein Schock. Ein Schock für alle Beteiligten. Für die Autoren selbst, denn es sind vor allem die seit Jahrzehnten bekannten, die zu den 25 "Auserwählten" gehören. Für die Eltern und Kinder, die einerseits in der Flut an Kinderbüchern und Neuerscheinungen pro Halbjahr untergehen können, und die auch Bedenken haben können, daß so mancher Kinderbuchautor das Schreiben aus finanziellen Gründen sein lassen wird. Für die Verlage, die selbst nur über die breite Masse bestehen können. Für die Bibliotheken, die mit knappen Budget eine Vielfalt bieten sollen und an denen der Anspruch gestellt wird, auch sehr viel Neues im Regal zur Verfügung zu stellen.

Denn die Ursache für das finanzielle Problem ist ein Bündel aus verschiedenen Faktoren: zu viele Neuerscheinungen im Jahr, der angebliche Anspruch nach immer neuen Kinderbüchern, die möglichst preiswert sein sollen, seitens der Eltern als Käufer, die Konkurrenz in der Freizeitgestaltung durch andere Hobbies oder eben auch bei älteren Kindern durch diverse elektronische Medien, die geringe Wertschätzung des Lesens in den Familien (siehe Vorlesestudie 2013 der Stiftung Lesen). - Es ist zu viel von allem, bei dem alle irgendwie beteiligt sind, läßt sich die Ursache kurz zusammenfassen.

Da sind die Eltern, die mit Blick auf ein dünnes Bilderbuch über den Verkaufspreis erschrecken. Verständlich, denn sie wissen nicht, wie sich der Preis zusammensetzt. Kinderbücher, vor allem Bilderbücher, sind durch ihren hohen Illustrationsanteil kostenintensiv. Es ist eben bei der Herstellung ein Unterschied, ob 200 Seiten ohne Bilder gedruckt werden, oder 15-20 Seiten bebildert sind. Noch mehr erhöhen sich die Herstellerpreise, wenn Zusätze wie Reißverschlüsse, Schieber etc. dazu kommen. Daher ist der Preis für ein Bilderbuch per se höher als für ein Roman.
Ja, aber rechtfertigt der hohe Illustrationsgrad denn trotzdem, daß ein 32seitiges Bilderbuch unbedingt ca. 13 € kosten muß, werden sich manche Eltern fragen. Da hilft es nur, einmal die Preisgestaltung auseinanderzunehmen. Wer bekommt was vom Verkaufspreis? Ich zeige es Ihnen einmal exemplarisch. Dabei gehe ich davon aus, daß der Autor per Verlagsvertrag 7 % Honoraranteil pro verkauftem Exemplar bekommt, wobei eine Vergütung in Höhe von 7 % schon gut für den Autor ausgehandelt ist.

Ein Bilderbuch, 32 Seiten, kostet im Buchhandel dank der Buchpreisbindung überall, ca. 13 €.

Buchpreis
13 €
minus 7 % MwSt.
0,85 €
minus Buchhandelsrabatt 35-55 % (hier mit 45 % gerechnet)  5,47 €
minus Druckkosten  2,00 €
minus Autorenhonorar 7 %  0,85 €
Umsatz pro verkauftem Buch für Verlag 3,83 €

Von den 3,83 € muß der Verlag den Illustrator, das Lektorat, das Marketing, die Rezensionsexemplare, seine Geschäftskosten wie Strom, Wasser, Gewerbesteuer etc. bezahlen. Die Auflagenhöhe setze ich hier mal mit 3000 Stück an, die auch noch alle zu dem Endpreis und nicht später reduziert verkauft werden müssen. Also macht ein Verlag dann pro verkaufte Auflage ca. 10.000 € Umsatz. Sie können sich ja vorstellen, wie gering der tatsächliche Gewinn für den Verlag am Ende ist.

Aus der Rechnung sehen Sie, daß alle Beteiligten an einem Kinderbuch nicht viel verdienen. Weder der Autor selbst, noch der Illustrator, der Buchhändler oder der Verlag. Um überhaupt das Ganze finanzieren zu können, ist der Verlag von vornherein bestrebt, möglichst viel zu verkaufen. Kinderbuchverlage machen es heutzutage einerseits über die Masse an Neuerscheinungen oder über Lizenzeinkäufe erfolgreicher Kinderbücher aus dem Ausland. Sie sparen sich dann die Autoren- und Illustrationskosten.

Tja, es sieht nicht wirklich rosig aus. Unbekannte Kinderbuchautoren, aber auch Verlage haben es schwer. Sie verdienen wenig mit dem Verkauf und müssen sich noch irgendwie in der Masse beim Käufer sichtbar machen. Dieser Weg ist nicht leicht, er ist erschöpfend, mühsam, gebunden an viel Enthusiasmus, an Optimismus und an Selbstausbeutung.

Daher verwundert es nicht, wenn bei erfolgreichen Kinderbuchfiguren auf einmal die ganze Merchandisingmaschine angeworfen wird. Wenn auf einmal Plüschtiere, Bettwäsche, Spiele, Computerspiele, Schlüsselanhänger, Bekleidung auftaucht. Hier wird Umsatz gemacht, der im besten Fall dann die Querfinanzierung anderer Kinderbücher unterstützt.

Nur ein Argument seitens der Verlage stört mich dann doch: die Sache mit der starken Nachfrage nach Neuerscheinungen, die seitens der Eltern eingefordert wird. Ehrlich gesagt, bezweifle ich, ob dieses Argument wirklich so hält. Welche Eltern kennen sich so gut im Kinderbuchbereich aus, daß sie über die Neuerscheinungen bescheid wissen? Werden nicht eigentlich die Eltern von der Büchervielfalt in den Buchhandlungen erschlagen? Einzig und allein bei beliebten Kinderbuchreihen fiebern die Kinder nach neuen Abenteuern. Aber für Zweijährige ist es meist wirklich wurscht, ob ihr Pappbilderbuch nicht schon vor 4 Jahren zum ersten Mal erschien.

Zudem ähneln sich zahlreiche Neuerscheinung doch sehr. Wieviele Bauernhofbilderbücher gibt es? Zig Varianten. Ebenso Bilderbücher, die in Richtung "Erste Wörter" einzuordnen sind. Sie ähneln sich alle stark. Gleichen sich manchmal sehr. Und ehrlich? Als Mutter ist mir da völlig wurscht, ob das Bilderbuch für meine Zweijährige, das die - immer gleichen - ersten Tiere zeigt, nicht schon ein paar Jahre alt ist, als es als Neuerscheinung im Buchhandel erschien. Manchmal scheint es mir, wird künstlich gewollt hier ständig nach der Neuerfindung des Rades gesucht. So manches mal wünsche ich mir, das ältere Bücher länger erhältlich sind. So kam es schon öfters vor, daß ich hier im Blog Bilderbücher von 2010 oder 2011 rezensierte, die es heute nur noch antiquarisch gibt. Als Beispiel möchte ich Norbert Landas Kinderbuch "Meins! Nein, meins!" nennen. Was für eine Verschwendung oder auch Verlust!

Ja, anders sieht es bei den (Erst)lesebüchern aus. Hier ist es schon schön, mal neue Geschichten zu lesen. Daher erscheint mir das Argument Neuerscheinung manchmal einfach ein Alibi zu sein. Es gänge auch anders! Und dennoch ändert dieser Kritikpunkt nichts an dem Dilemma der Autoren!

P. S. Nicht nur Kinderbuchautoren haben dieses finanzielle Dilemma, sondern die meisten Autoren, auch im Belletristik-, Sach- oder Fachbuchbereich.

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