Hilfe, wie lösen wir das Kinderbuchdilemma?

Am Wochenende schrieb der Kinderbuchautor Kai Lüftner auf seiner Facebookseite einen offenen Wutbrief, in dem er sich über das Dilemma der Kinderbuchautoren, die selten vom Schreiben leben können, von der wenigen Beachtung der Kinderbücher in den Feuilletons, von dem geringen Stellenwert der Kinderbücher in der Gesellschaft ausläßt.
Anlaß war die große Resonanz auf seinen Fernsehauftritt bei der Sendung "Markus Lanz", eine der seltenen Male, daß ein Kinderbuchautor im Fernsehen bei einem Breitensender auftritt, und die Anfang Mai gesendete Reportage über das Dilemma der Kinderbuchautoren, in dem die Autorin Antje Herden ihre Situation schildert (hier mein Blogpost dazu).

Nun hat letztere in ihrem Blog Kai Lüftner geantwortet. Als ich beide offene Briefe las, mußte ich nicken. Sie haben beide recht. Und beide schildern sehr genau diese beklammende, hilflose Gefühl, in einer vertrackten Sackgasse zu stecken.

Als ich beide Briefe las, schoß mir ständig der Gedanke durch, was denn nun ein Lösungsschritt wäre, Kinderbüchern wieder die Stellung im Kinderalltag zu geben, der ihnen gebührt?

Antje Herden schrieb:
Leseförderung sollte schon im Kindergarten beginnen. Auch klar. Aber geht doch mal in die Kindergärten und Grundschulen. Nicht in die mit prämierten Vorzeigemodellen oder einem potenten Förderverein, sondern in die echten, in die, von denen es die meisten gibt. Schaut Euch dort die zerfledderten ewig alten Bücher an. Fragt die Kindergärtnerin, welche Neuerscheinungen sie mag. Ich verspreche Euch, die meisten kennen nicht eine einzige der letzten Jahre. (Ich weiß, es gibt Ausnahmen, aber die Ausnahmen ändern eben nicht viel.)
Quelle: http://ah-rauschmittel.blogspot.de/2014/05/meine-antwort-auf-kai-luftners.html 

Da  steckt sehr viel Wahres drin. Brauchen wir wie im Sport eine größere BREITENFÖRDERUNG des Lesens? Erste Bausteine wie die Lesestarkt-Aktion gibt es schon, aber da könnte mehr passieren. Ich nehme mal die Lesestarkt-Aktion ins Visier.


Als meine große Tochter etwa ein Jahr alt war, gab es vom Kinderarzt den Beutel zum ersten Schritt bei der Lesestarkt-Aktion. Ein Stoffbeutel gefüllt mit einem Bilderbuch des DUDEN-Verlages, ein Pixibuch über die Aktion, mehrsprachige Prospekte, ein Aktionsposter und eine DVD.
Was war positiv?
Ganz klar, das Bilderbuch. Damit konnte meine Tochter und ich was anfangen. Noch heute schaut sie sich das Bilderbuch gerne an. Das ist handfest, praktisch und gleich anwendbar.
Was ist negativ?
Das Poster war nichtssagend. Überhaupt nicht auf die Zielgruppe Einjährige aussgerichtet. Völlige Papierverschwendung. Ebenso habe ich die DVD ignoriert. Ein kurzer Blick zeigte mir, es geht irgendwie ums Lesen. Nun, wir sind ein leseaffiner Haushalt. Aber selbst ich Aufgeschlossene habe keine Zeit und keine Lust, mir einen Film übers Lesen anzuschauen. Völlig daneben. Auch das Pixibuch fand ich nicht brauchbar. Thematisch ist es für Einjährige in seiner Aufmachung völlig uninteressant. Und als Erwachsene brauche ich kein Pixibuch über die Aktion. Dieses Büchlein hätte man sich ebenso sparen können.
Als neutral empfand ich die Prospekte. Sie informierten über die Aktion, daß es zwei weitere Lesemeilen geben wird und wie wichtig Lesen ist. Nun denn, ich denke, die meisten werden die Prospekte kurz anschauen oder gleich weglegen. Aus dem Augen, aus dem Sinn.

Wie geht es weiter? Mit drei Jahren wird den Kindern die 2. Lesemeile angeboten. Sie können sich kostenlos in der örtlichen Bücherei anmelden und bekommen wieder eine Tasche. Und wie wurde darüber informiert? Über eine kurze Mitteilung im örtlichen Heimatblatt. Nicht mehr. Da sieht man gleich den ersten Fehler. Warum gab es denn keinen Aushang im Kindergarten, besser noch ein Flyer, dem jedes Kind für die Eltern in den Rucksack gesteckt wird, weil so ein Aushang nicht immer wahrgenommen wird? Warum sind nicht gleich die Kindergartengruppen in die örtliche Bibliothek gegangen, die Tasche geholt, die Kinder angemeldet und gleich mal die Bibliothek gezeigt? Das wäre ein interessanter und hinsichtlich der Wahrnehmung der Aktion zielführender Ausflug gewesen. Man hätte so wesentlich mehr Kinder erreicht als bloß mit einer Nennung im örtlichen Heimatblatt. Da müssen die Eltern die Information erst lesen, sich merken, sich vornehmen, in die Bibliothek mit dem Kind zu gehen.
Ja, mein Vorschlag macht Arbeit. Aber er bringt mehr. Denn Eltern, die Kinderbücher wichtig sind, finden von alleine den Weg in die Bibliothek. Die müssen mit der Lesestart-Aktion nicht angesprochen werden, sondern die Eltern, die weniger leseaffin sind.
Zweites Manko: Nun ist meine Tochter noch nicht so alt (zudem bin ich selber in der Bibliothek angemeldet, für uns fällt der Bonus weg), als das sie in die Gruppe für den 2. Schritt reinfällt. Hm, ich zweifle ob die Aktion nächstes Jahr gibt. Nun haben wir also Schritt 1 dank Kinderarzt mitgemacht, aber werden wohl die nächsten verpassen. Ich habe die Aktion aufbauend verstanden, aber befürchte, sie wird in bälde eingestellt sein. Und dann? Zack, alles weg.

Was sind die Lehren aus der Aktion?
1. Es gibt mit Lesestart Aktionen zur Leseförderung, die gute Ansätze haben, schon frühzeitig auch den Allerkleinsten bzw. ihre Eltern auf das Thema hinzuweisen. Aber es fehlt an Kontinuität und Aufbauen, an den wirklich in sich greifenden Zahnrädchen. Es braucht stärkere Kooperation in dem Netzwerk. Also nicht nur ein Hinweis im örtlichen Informationsblatt, sondern eine wirkliche Zusammenarbeit mit den Kindergärten vor Ort, ein realer Ausflug in die Bibliothek. Das lose Netzwerk der Kinderbuchakteure muß dichter gespannt werden.
2. Der Inhalt zieht. Beispielsweise war die Tasche inhaltlich wenig förderlich, langfristig fürs Lesen zu begeistern. Schade ums Geld und den Aufwand.
3. Breite Leseförderung braucht Zeit. Ziel von Lesestart ist es, vom Kleinkind übers Kindergartenkind bis zum Schulanfänger stetig die Kinder fürs Lesen zu begeistern. Dann muß so eine Aktion auch wirklich über diese Jahre gehen.
4. Unabhängig vom Lesestart und eingehend auf das obige Zitat von Antje Herden. Ja, so sieht die Realität aus. Auch in der Krippe meiner Tochter sind die Bücher alt und zerlesen. Die Erzieherinnen freuen sich immer, wenn ich mal neue Bücher aus meinem Rezensionsschatz dort lasse. Denn es fehlt am Geld, neue Bücher zu kaufen. Ebenso fehlt es den Erziehern ein gebündelter, leichter Zugang zu neuer Literatur. Hier wäre ein Ansatz für eine stärkere Vernetzung, beispielsweise ein Newsletter der Bibliothek über neue Kinderbücher plus Aktionen für die Erzieher.

Und am Ende? Am Ende sind alle auf die Begeisterung der Eltern angewiesen. Denn sie sind der allererste Schlüssel, Kindern Büchern nahe zu bringen. Mag es auch so viel Breitenförderung geben, wenn die Eltern nicht mitmachen, hat der Rest es schwer.

Kommentare