Zurück in die Vergangenheit: warum das Lustige Taschenbuch auch nach 30 Jahren cool ist

Ein paar Bände der Comic-Reihe Lustiges Taschenbuch Donnerstag ist Micky-Mouse-Tag Anfang der 1990er Jahre: jede Woche fieberte ich dem Donnerstag entgegen. Warum? Weil an diesem Wochentag immer die neue Ausgabe der Kinderzeitschrift Micky-Mouse vorlag. Comic-Geschichten um die pfiffige Mouse, um den tolpatschigen-treuen Goofy oder um den Pechvogel Donald Duck. Dazu Experimente und eine Kleinigkeit, die damals tatsächlich eine Kleinigkeit war - im Gegensatz zu den heutigen Beigaben. Die Micky-Mouse kaufte ich mir von meinem Taschengeld und sammelte sie. Bis heute habe ich eine recht große Ansammlung an Ausgaben, die ich gut gehütet habe. Jetzt liest sie das große Kind. Seltener, da mal ein Geschenk, gab es für mich die Bände des Lustigen Taschenbuches (LTB). Schon damals war ich vom Buchrücken fasziniert: Stück für Stück mit jeder Bandausgabe entstand ein Bild. Nur ein paar LTBs bekam ich, dann war ich größer, älter geworden und sie interessierten mich nicht mehr so sehr. Dennoch wie d

Kindheit nach dem 2. Weltkrieg: "Kirschendiebe" von Anke Bär

Kinderbuch-Rezension: Cover von "Kirschendiebe" von Anke Bär

Es ist das größte Glück der Welt, das wir hier gelandet sind. Auch wenn es das größte Unglück der Welt ist, das uns hergebracht hat: der Krieg.

Mit diesen Worten lässt Anke Bär die elfjährige Lotte ihre Geschichte im erzählenden Sachkinderbuch "Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war", 2018 im Verlag Gerstenberg erschienen, beginnen. Lotte wohnt nach dem 2. Weltkrieg mit ihrem Bruder und ihrer Mutter bei ihrer Tante im Forsthaus auf dem Lande. Sie konnten aus der kriegszerstörten Stadt dorthin flüchten. Nach dem Kriegsende und der Gefangenschaft kam ihr Vater hinterher. 

Wieso wohnten die beiden Familien in wenigen Zimmern? Was spielten die Kinder? Welches Spielzeug besaßen sie? Was zogen sie an? Warum mussten sie auf das Plumpsklo im Hof gehen? Wie feierten sie Weihnachten und warum weinte Lottes Tante dabei? Warum ist das alte Brockhaus-Lexikon so wertvoll wie die Bibel? Wie erlebte Lotte die Schule? 

Eine Kindheit in der Nachkriegszeit

Die unmittelbare Zeit nach dem 2. Weltkrieg, das Leben damals von Essen bis Wohnen, von Spielen bis Schule erleben  mit Lottes lebendigen Schilderungen Kinder ab 10 Jahre in diesem Kindersachbuch. Nicht trocken-nüchtern, sondern eingebettet in biografischen Erzählungen der Hauptfigur Lotte nimmt Anke Bär die jungen Leser auf eine Zeitreise mit. Jedes der 36 Kapitel ist einem alltagsgeschichtlichen Spezialthema gewidmet. Der belletristische Erzählstil in einfacher, klarer Sprache zieht die Kinder in das Buch, in Lottes Leben hinein. Da Lotte mit ihrem Kinderblick ihre Zeit schildert, überwiegt nicht eine depressive Stimmung das Buch. Nein, im Gegenteil. Lottes Kinderblick ist optimistisch, fröhlich und neugierig, auch wenn Anke Bär sehr klar die materielle Not fassbar schildert. Wie gut die Autorin die damaligen Lebensumstände, auch die psychischen, auf den Punkt genau und einfühlsam ihren jungen Lesern schildert, zeigt sich an den Stellen, wenn die Belastungen aus der grausamen Kriegszeit kurz durchschimmern: der Vater, der nicht über seine schrecklichen Kriegserlebnisse reden kann und öfters Alkohol trinkt, die Tante, die um ihren Ehemann trauert. Zugleich auch die riesige Freude, wenn der Vater einer Freundin unverhofft aus dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft nach Hause kommt. Diese vielen Zwischentöne trifft Anke Bär vortrefflich. So gelingt ihr ein vielschichtiges Bild der Nachkriegszeit.

Kinderbuch-Rezension: Blick ins Buch von "Kirschendiebe" von Anke Bär

Alltagsgeschichte für Kinder

Schon auf dem Cover zeigen Waschzuber, Kirschen und Amselnest wie vortrefflich die grafische Ausstattung des Buches ist. Anke Bär schuf realistische Zeichnung, die als kleine Vignetten am Seitenrand zu finden sind. Mal nimmt sie eine Figur einer Szene auf, mal einen Alltagsgegenstand, den sie hin und wieder stichpunktartig erläutert. So entdecken wir die Mädchenfrisuren in den 1940er Jahren, Abbildungen von Geldscheinen, Wandtafeln aus der Schule. 

Am Ende des Buches gibt es Fotos von Alltagsgegenständen. Sei es Spielzeug, alte Fotos, Abbildungen von Geldscheinen aus der Währungsreform oder Genehmigungen. Es ist wie ein spannender Museumsbesuch, wenn die Kinder diese Fotos anschauen. 

Eine Zeitreise zur Kindheit der Urgroßeltern ist Anke Bärs grandioses Kinderbuch "Kirschendiebe" - authentisch, lebendig, spannend und informativ zugleich. Eine Erzählung, die Jung und Alt begeistern wird, und dank der kurzen Kapitel auch ideal für den Geschichtsunterricht geeignet ist. 

Kinderbuch-Rezension: Blick ins Buch von "Kirschendiebe" von Anke Bär

Bibliografische Angaben zur Kinderbuch-Rezension:

Anke Bär: Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2018
ISBN: 978-3836959971
Ausstattung: 240 Seiten, Hardcover, mit Fotos
Preis: 18 €
Vom Verlag empfohlenes Lesealter: ab 10 Jahre

*Direkt beim Gerstenberg Verlag bestellen oder überall im Handel erhältlich.

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Kommentare

  1. Ich finde das Buch super interessant. Habe schon die ersten Kapitel gelesen. :)

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