Notizen: Bilderbuch, Kunst und Bewertung

Bilderbuch und Kunst. Was macht eine gute Bilderbuchillustration aus? Wie kann man die Illustrationen bewerten? Diese Fragen treiben gerade einige Kinderbuchblogger (Dagmar Eckhardt von Buchkind-Blog und Miriam Schaps von Geschichtenwolke, *wink*) um. Mich selbst auch. Nun habe ich als Fachlektüre das leider schon vergriffene Buch "Mit Bilderbüchern wächst man besser" von Nicola Bardola, Stefan Hauck, Mladen Jandrlic und Susanna Wengeler, 2009 bei Thienemann erschienen, vor mir legen. Als Notiz an mich, als Zusammenfassung ist dieser Post gedacht. Zugleich hoffe ich, auch Bloggerkollegen mit den Informationen behilflich sein zu können.

Stefan Hauck widmet sich den oben stehenden Fragen in seinem Beitrag "Ein Bilderbuch ist eine Entdeckungsreise inmitten bunter Bilder". Ich paraphrasiere hier mal seinen lesenswerten Beitrag, ergänzt durch eigene Beispiele und Ausführungen. Die folgenden Abschnitte sind also als Notiz zu verstehen, es sind Stefan Haucks Erkenntnisse, die ich hier nur wiedergebe:


Kinder, vor allem die noch nicht lesen können, gehen an die Bilder mit offenem Blick heran, was an zwei Punkten liegt. Ohne die Lesefähigkeit können Kinder sich die Bilder allein durch eigene Beobachtung erschließen. Sie können keinen Titel, keinen Begleittext oder wie in Bilderbüchern den Text selber erschließen. Wenn ihnen das Buch nicht vorgelesen wird, sie sich durch vorheriges Vorlesen den Text nicht gemerkt haben - und darin sind Kinder wahre Meister, so bleiben ihnen "nur" die Bilder. Die Wahrnehmung und Entschlüsselung der Bilder (was ist zu sehen? welche Figuren? wie wirken die? welche Stimmung? welche Gefühle? welche Symbole) ist eng mit dem Wissen um Kultur, Geschichte, Symbolik, Sprache, Religion und Verknüpfungen zu vorhergehende, nachfolgenden Bildern verknüpft. Als Beispiel: ein roter Kreis ist abgebildet - was könnte er sein? Ein roter Kreis. Ein roter Apfel. Ein roter Ball. Ein roter Punkt. Eine Sonne. Die Übersetzung der Bildaussage in eine Bedeutung ist immer eine Interpretation, die spezifischer wird, desto mehr (Vor)Wissen und Übung ist da. Hier setzt die Unbefangenheit der Kinder, vor allem der nichtlesenden Kinder ein. Es ist immer eine Mischung zwischen ihrer Fantasie und nüchterner Benennung des Sichtbaren.
Bilder prägen stark unseren Alltag, unsere Umwelt. Bildern begegnen Kinder an einem Tag zahlreich: die Bücher auf dem Kindertisch, die Zeitung mit dem Foto auf dem Küchentisch, das Verkehrsschild, das Werbeplakat. Es sind visuelle Reize, die vor allem unbewußt verarbeitet werden. Aus einem Bild können mehr Informationen, Aussagen gleichzeitig wahrgenommen werden, als durch einen Satz.

Der Bilderbuchkünstler Maurice Sendak meint zu guter Bilderbuchillustration: "Worte werden ausgelassen, und das Bild redet. Bilder werden ausgelassen, und das Wort redet. Es ist eine Balancierkugel, es geht vor und zurück" und "Entweder ist sie reine Dekoration oder sie ist eine Erweiterung des Texts. Es ist deine Version des Textes als Illustrator, deine Interpretation." (Hauck, Bilderbuch Entdeckungsreise, S. 28).
Bilder sollen nicht nur das abbilden, was der Leser schon durch den Text wahrnimmt. Dazu Rotraut Susanne Berner: "Nicht den Text zu wiederholen, ein neues Licht auf ihn zu werfen ist die Aufgabe der Illustration" (Ebd.). Illustrationen sollen sich mit dem Verborgenem, den Textinterpretationen befassen. Gute Illustration greift den Text vor, vertieft ihn oder widerspricht sogar. Er soll nicht nur gut aussehen, nicht langweilen, sondern Anstöße geben.
Eine gute Bilderbuchillustration ermöglicht den Kindern nicht nur die Entwicklung von Empathie für die Gefühls- und Gedankenwelt der Figuren, sondern zeigt ihnen auch en passant, wie das Bild durch seine Farb- und Perspektivenwahl eine bestimmte Bedeutung erfährt, wie wichtig der interpretierende Blickwinkel ist. Es ist also eine Meta-Kunsterfahrung, die die Kinder beflügelt, in der Bilderwelt ihres Alltags besser zurecht zu kommen.

Entgegen dem linear abzutastenden Text stehen Bilder erst einmal frei im Raum. Schon ihre Stellung im Text ist eine Interpretation, eine Aussage: senkrecht, umflossen vom Text, waagerecht. Ein Bild an sich hat keinen vorher festgelegten Ankerpunkt im Raum. Seine Position ist frei wählbar und damit auch komplexer in der Wahrnehmung.
Gute Bilderbücher fördern das Decodieren, siehe das Beispiel mit dem Kreis, die Ikonographie. Wir übermitteln den Kindern, welche Bilder welche Aussage in unserer Kultur haben. Gleichzeitig fördern sie das Recodieren: wie spiegelt sich Freude im Gesicht eines Menschen, in seiner Haltung? Welche Farben drücken eine positive Stimmung aus? Welche Trauer? Wie schafft man mit der Perspektivgestaltung Nähe oder Distanz, Übersicht oder den fokussierten Blick?

Bilderbuchillustrationen fordern die Auseinandersetzung mit Gefühlen, bieten Projektionsflächen und fördern Empathie. Mit Bilderbüchern läßt sich die ganze Bandbreite der Gefühle erleben, ohne wirklich einer Gefahr ausgesetzt zu sein: Angst, Spannung, Freude, Glück, Enttäuschung, Fürchten, Erwarten. Kinder können sich bedinungslos beim Betrachten auf diese Gefühle einlassen und wissen mit zunehmenden Gebrauch, daß sie diesen Gefühlen nicht bedingungslos ausgesetzt sind. Denn sie bleiiben in dem Buch drin, enden, wenn das Buch geschlossen wird.

Die Bilderbuchauswahl der Eltern, der Buchhändler und am Ende auch der Produktion in den Verlagen ist abhängig von der Sozialisation. Welche Bilderbücher Erwachsene den Kindern geben, ist abhängig, welches Wunschbild von Kindheit sie haben, meint Elisabeth Hohmeister (Ebd., S. 33). Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Absicht der Erwachsenen und der Wahrnehmung der Kinder (Gatekeeper-Position). Daher sind pädagogisierende Bilderbücher so beliebt. Hier sollten Erwachsene von den eigenen Vorstellungen ab und zu zurücktreten und Kindern eine größere Vielfalt anbieten. Schon Jean Piaget meinte in den 1970er Jahren: "Kinder können ein viel breiteres Spektrum künstlerischer Gestaltung und Thematik aufnehmen, als das beschränkte und meist verniedlichende Angebot der meisten Bilderbuchautoren glauben machen möchte." (Ebd., S. 34). Ist es die Angst der Erwachsenen, Fragen der Kinder beim Betrachten nicht beantworten zu können? Bei der Auswahl sollte man auch immer die geistige, seelische Entwicklung des Kindes mitbeachten. So manches Bilderbuch schaut sich das Dreijährige noch mit Ängstlichkeit an, zwei Jahre später mit Interesse und ohne Angst. Und je mehr unterschiedliche Bilderbücher ein Kind sich anschaut, desto geübter ist es.

Letztlich ist es der Blickwinkel, der ein gutes Bilderbuch von einem schlechten untescheidet: nicht zu glatt, unterschiedliche Perspektive, Interpretaion, Überraschungsmomente, zu entdeckende Details, Brüche, Zusammenhänge, Raumerfahrung, Maßstab. Hier entsteht das Fundament der kognitiven Bilderzählsprache als Basis für die spätere Schriftsprache. Künstlerische Stilmittel erfahren die Kinder en passant: die Kraft der Reduktion, die Wirkung der Bildaufteilung, der Farbwahl, der Perspektive.
Wie Erwachsene setzen die Kinder die Bilder in ihrem Kopf beim Betrachten zu einem Ganzen zusammen. Sie verknüpfen sie mit ihrer Fantasie und ihrem Wissen. Daraus entsteht immer ein individuelles Betrachtungserlebnis, das sich auch im Verlauf der Zeit (vor dem ersten Vorlesen, nach dem Vorlesen = Wissen um den Text, eigene Entwicklung, Zunahme an Erfahrung und Wissen) ändert. Mit jedem Buch erweitert das Kind seine Weltsicht.

Das Bilderbuch formt den Ästhetik- und Kunstgeschmack des Kindes. Je genauer der Illustrator um die Wirkung seiner Arbeitsweise weiß, desto gezielter kann er sie einsetzen. Dazu zählt auch die Technik. Bilderbuchbetrachten soll aber auch Spaß und Freude machen. Ein Aufzwingen wirkt konträr zur Absicht. Bilderbuchbetrachten ist immer auch eine Sehschule. Mit dem Bilderbuch kann das Kind seinem eigenen Sehtempo folgen und ist für die Vorgabe wie beim Fernsehen besser gerüstet. Es übt Sehen, Erkennen und Interpretieren. Die Bilderbücher reichern seine Vorstellungskraft an, ermöglichen erste Imaginationen. Sie traineren die Beziehungserkenntnis zwischen Wort und Bild, tradieren Bild- und Sprachsymbole, Redewendungen und geben Werkzeuge zur Hand, um unbekannte Symbole selbständig entschlüsseln zu können. Sie trainieren die Wahrnehmung, den visuellen Erfahrungsschatz.

Die Auswahl der Bilderbücher legen den Grundstein für die spätere ästhetische Wahrnehmung. Unterschiedliche Illustrationsstile üben die Kunstwahrnehmung.

Eine gelungene Illustration äußert sich immer durch eine spontane Bekundung und ist individuell. Eine positive Einschätzung kann sich zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheiden, ist von Wissen, Offenheit abhängig. Gelungene Illustrationen haben laut Vitali Konstantinov einen erzähhlerischen Wert. Sie muß technisch und handwerklich gekonnt sein. Sie sollte noch Raum für eigene Fantasie lassen.

Stefan Hauck gibt noch diese Hilfestellung zur Bewertung:
  • Machen die Bilder neugierig? Lösen sie Fragen beim Betrachten aus?
  • Regen die Bilder zum Nachdenken an, fordern sie zum Erzählen auf? (Meine Ergänzung: abhängig vom Alter des Kindes)
  • Bieten sie Identifikationsmöglichkeiten?
  • Sind die Charaktere der Figuren bildlich in Gestik, Mimik und Aussehen umgesetzt?
  • Sind die Figuren differenziert dargestellt? Wie variationsreich ist die Bewegung? Der Ausdruck? Welche Stereotypen werden dargestellt? Welche Bildsymbole werden transportiert und tradiert?
  • Stellen Bild und Text eine Einheit dar?
  • Gibt das Bilderbuch dem Kind neue Einblicke und Erfahrungen?
  • Welche Vorerfahrung benötigt das Kind zum Erfassen der Bildaussage?

Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag! Ich konnte ihn gerade nur überfliegen, werde ihn aber auch noch mal ganz in Ruhe lesen.

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