Erzähl mir eine Geschichte

Um was geht es eigentlich beim Lesen, beim Betrachten von Bilderbüchern, beim Hören von Hörspielen? Ganz genau, es geht im Kern um das Erzählen von Geschichten - sei es Erlebtes oder seien es eigene Fantasiegeschichten.
Geschichten erzählen wir uns gegenseitig jeden Tag, ohne daß es uns bewußt ist. Wenn ich meine Kinder frage, wie es im Kindergarten oder in der Krippe war, was sie erlebt haben, welches Kind welches Kostüm zum Fasching anzog, wie das Essen geschmeckt hat. Wenn ich den Kindern von meinem Alltag erzähle. Wenn sie mich früh morgens fragen, warum die Wiese, die Bäume und Blätter so einen weißen Überzug haben, und ich ihnen den Raureif erkläre. Es sind kleine und große Geschichten. Es sind Gespräche.
Was haben diese Geschichten und Gespräche gemeinsam? Sie sind mündlich. Das mündliche Erzählen ist die ursprünglichste Form der Geschichtenwiedergabe. Es ist für Kinder bis zum Schulalter der erste Weg zum Mitteilen - noch vor dem Malen und Basteln. Das mündliche Erzählen steckt in uns tief drinn, es verbindet uns, schafft Gemeinsamkeiten, Klarheiten. Es ist zutiefst menschlich - und DAS wissen Kinder ganz genau. Denn sie erzählen viel und gerne den ganzen Tag - wenn man sie läßt, wenn man ihnen zuhört, wenn man ihnen Aufmerksamkeit gibt, Fragen stellt, sie ermuntert.
Schon Kleinkinder erzählen gerne, auch wenn sie aktiv von ihrer Entwicklung her noch manches Mal gar nicht so viel können wie sie wollen. Aber schon mit Zwei-Wort-Sätzen können sie gut erzählen. Hört man ihnen genau zu, tritt man in einen Dialog mit ihnen ein, merkt man, wie sie mit ihren wenigen Worten ganze Geschichten erzählen. Dabei saugen sie gleichzeitig durch die Wortwiederholungen der Erwachsenen neue Worte wie ein nasser Schwamm auf. Man kann förmlich zusehen, wie der Sprachschatz sich Stunde um Stunde erweitert, wie sehr sie sich darüber freuen und gleich die neuen Worte einsetzen.


Als Erwachsener sollte man keine Hemmung haben, mit so einem kleinen Kind völlig normal wie zu einem anderen Erwachsenen zu reden. Beobachten Sie einmal Kinder untereinander. Ein vierjähriges Kind redet völlig in seinem Duktus zu einem anderthalbjährigen Kind, fordert es zum Antworten heraus und begnügt sich auch, wenn es nur ein Wort oder eine Geste bekommt. Es ist für das ältere Kind ein ganz normaler Dialog, das es mit seinen Fähig- und Fertigkeiten gestaltet. Da gibt es keine Hemmungen der Überforderungen. Nein, es ist einfach so, auch wenn es hier und da harkt. Genau so wie das Vierjährige mit seinem Sprachschatz mit dem jüngeren Kind redet, so sollen wir Erwachsenen mit unserem Sprachschatz zu ihm reden. Alles, was das Kind nicht sofort versteht, blendet es aus. Übrigens ist es bei älteren Kindern auch so, auch wenn es bei Interesse neugierig nachfragt. Dann gibt es uns Erwachsenen ein Zeichen, hier Zeit für seine Fragen zu nehmen.
Noch faszinierender wird das mündliche Erzählen bei Kindergartenkindern. Ihre Fantasie blüht auf, sie denken sich eigene Geschichten aus. Und dann heißt es: "Erzähl mir eine Geschichte." - egal in welche Richtung. Da werden die Erwachsenen zum Erzählen aufgefordert, oder auch die Kinder wollen ihre Geschichte erzählen. Machen Sie mit! Lassen Sie sie! Hören Sie ihnen zu! Spinnen sie gemeinsam die Geschichte weiter! Es ist dem Kind völlig egal, ob die Geschichte in Ihren Augen wie die der Kinderbuchautoren klingt. Es freut sich über das gemeinsame Erlebnis Erzählen.
Falls Sie sich nicht getrauen, eigene Geschichten zu erfinden, dann erzählen sie Märchen nach. Lassen Sie sich auf das Erzählen ein, machen Sie am Anfang die Fehler, die Sie meinen, Sie würden sie machen. Wenn es gar nicht stimmig ist, wird das Kind nachharken. Bis dahin freut sich das Kind über die Geschichte.
Oder das Kind erzählt mit eigener Fantasie eine Geschichte. Manchmal nimmt es ein ihm bekanntes Märchen als Ausgangspunkt, spinnt es weiter, probiert aus. Oder erzählt von sich aus über ein Bilderbuch gebeugt die Geschichte, die es dort sieht. Machen Sie mit, lassen Sie es erzählen, auch wenn es zu fantastisch, zu wenig realiter ist. Es ist egal. In dem Augenblick ist es so für das Kind. Und gleichzeitig probiert es seine Erzählfantasie aus, überprüft es an Ihren Reaktionen. Wenn es allzu bunt wird, dann haken Sie nach. Das Kind wird darüber staunen, nachdenken, vielleicht Ihnen eine herrliche Erklärung geben. Hier geht es nicht um richtig oder falsch. Es geht allein ums Erzählen.
Wenn wir mit den Kindern erzählen, stillen wir ein großes Bedürfnis, schaffen Gemeinsamkeiten, geben den Kindern Mut, lernen sie und uns neu kennen, probieren wir Sprache aus.
Darum erzähl mir eine Geschichte!

P. S. Bei  uns gibt es das Einschlafritual von K1, eine Piratengeschichte zu erzählen. Sie ist immer gleich aufgebaut - ein Tag auf einem Piratenschiff. Vorher fragen wir K1, was die Piraten erleben sollen. Sie gibt das Thema vor, oft dieses, was sie am Tag selbst erlebt hat. Und daraus ergibt sich eine schöne Geschichte.

Kommentare

  1. Oh ja, erzählen ist wichtig und macht Spaß. Schöner Artikel. Ich überlege schon seit einiger Zeit, einen Artikel zu dem Thema zu schreiben, bin aber noch nicht dazu gekommen.

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