Wenn Bilder tanzen: Faszination Bilderbuchkino

Bilderbuchkino mit Alexander Steffensmeier "Lieselotte ist krank". Foto: W. Bönisch
Der Raum ist dunkel. Gespannt sitzen die Kinder vor der Wand, die hell erleuchtet. Da! Es geht los! Ein Mädchen liegt in ihrem Bett. Die Mutter sagt Gute-Nacht. Auf der anderen Seite stehen Leoparden auf einem Baum. Was hat das miteinander zu tun?

Erzählt die Erzieherin die Geschichte?

Denken sich die Kinder selber ihre Geschichte zu den Bildern aus?

Auf jeden Fall tanzen die Bilder. Die Spannung steigt. Vielleicht lachen die Kinder. Vielleicht sind sie mit traurig. Oder sie nicken mit den Köpfen. Auf jeden Fall sind sie gebannt von diesem Vorlesen der anderen Art.

Was ist ein Bilderbuchkino?




Die obige Szene spielt sich auf den ersten Seiten des Bilderbuches "Mama, ich kann nicht schlafen" von Brigitte Raab ab. Wenn man ein Bilderbuch mehr als ein, zwei Kindern vorlesen möchte, dann wird es schwierig. Das Buch ist für die Menge der Kinder zu klein. Die Bilder können sie sich nicht alle gleichzeitig anschauen. Meist liest man die Geschichte Szene für Szene vor, hebt das Buch hoch und zeigt dann die Bilder. Der Nachteil der Methode ist, daß das Vorlesen stetig unterbrochen wird. Witze können sich nicht entfalten, die Pause lenkt die Kinder ab. Hier jammert ein Kind, es könne immer noch nicht alles erkennen, dort entsteht Unruhe.

In so einer Situation hilft das Bilderbuchkino. Wie in einer Kinovorstellung erleben die Kinder das Vorlesen. Mittels Beamer werden die Illustrationen des Kinderbuches an die Wand geworfen. Also nur die Bilder. Ohne den Text. Die Kinder sitzen davor. Alle können gleichzeitig die Bilder sich anschauen. Durch die Vergrößerung bleibt kein Detail verborgen. Auch in den hinteren Reihen erkennen die Kinder alles gut. Und dann geht es mit dem Vorlesen los. Die Erzieherin liest die Geschichte aus dem jeweiligen Bilderbuch, das in als gedrucktes Buch in ihren Händen liegt, vor. So kommen alle zum Genuß des Kinderbuches.
Da Kinder, je jünger sie sind, eine geringere Aufmerksamkeitsspanne für eine Sache haben und Bücher nicht linear sich anschauen, ist das Bilderbuchkino mehr für Kindergartenkinder geeignet. Ein- oder Zweijährige werden nicht die Geduld haben, oder das Bilderbuchkino muß zeitlich sehr kurz (maximal 10 Minuten) gehalten werden.
Nicht nur Kindergärten oder Grundschulen eignen sich fürs Bilderbuchkino, auch Bibliotheken setzen es gerne als Veranstaltungsformat für die Leseförderung ein.

Wofür eignet sich noch das Bilderbuchkino?


Das Bilderbuchkino verändert das Vorlesen. Nicht mehr eine einzelne Beziehung zwischen dem Vorleser und ein, zwei Kinderzuhörern steht im Vordergrund. Mit dieser Methode können eine größere Zahl an Kindern vorgelesen werden. Es eröffnet zugleich auch noch andere Formen des Erzählens. Beispielsweise kann der Vorleser die Geschichte aus dem Gedächtnis widergeben. Durch das Paraphrasieren erhält das Vorlesen eine persönliche Note und fordert den Erwachsenen heraus.
Eine weitere Variante ist das Erzählen einer eigenen Geschichte zu den Bildern. Hier wird die Anforderung an den Erwachsenen, der sich nun vom Vorleser zum Geschichtenerzähler wandelt, noch einmal gesteigert.
Als dritte Möglichkeit können die Kinder aktiv in das Erzählen einbezogen werden. Sie werden aufgefordert, die Bilder in eigenen Worten widerzugeben. Dabei steht die Beschreibung am Anfang, mit Kreativität und Fantasie sollen die Kinder dann aufgefordert werden, selber ihre Geschichte zu erfinden. Diese Aufgabe ist eine hohe Herausforderung. Freies Erzählen, sinnvolle Inhalte zu formen und gleichzeitig die Fantasie spielen zu lassen, fordert und fördert die Kinder in ihrem Spachgebrauch enorm. Es sind die Bausteine, auf denen später ein gutes Textverständnis ruht.
Ein Bilderbuchkino läßt sich wunderbar in größere Projekte einbauen. Beispielsweise eignet sich das Bilderbuch "Der Ernst des Lebens" von Sabine Jörg, bei Thienemann erschienen, wunderbar als Teil der Vorbereitungen für den Schuleingang und zur Verabschiedung der Vorschüler.  

Herausforderung an die Illustratoren


Welches Bilderbuch für ein Bilderbuchkino geeignet ist, ist absolut von den Illustrationen abhängig. Das Talent und die kreative Umsetzung der Illustratoren zeigt sich maßgeblich. Ob die Bilder eher erzählerisch wirken oder einzelne Szenen darstellen, ist erst einmal egal. Wichtiger ist, daß die Buchidee sich allein durch die Bilder erfassen läßt oder zumindest zu einer eigenen Erzählung anregt. Je älter das Kind ist, desto abstrakter kann die Illustrationen sein. Je jünger das Kind ist, umso wird es von einem linear erzählerischen Plot angesprochen.

Woher bekommt man Bilderbuchkinos?


Bilderbuchkinos sind auf zwei Wegen erhältlich. Zum einen bieten die örtlichen Bibliotheken Bilderbuchkinos speziell für Kindergärten und Schulen entweder zum Ausleihen oder als Veranstaltung vor Ort statt. Bilderbuchkinos als Bündel sind auch im Handel käuftlich zu erwerben.
Dankenswerterweise stellt eine Reihe an Verlagen kostenfrei Bilderbuchkinos als Download zur Verfügung. Zur Zeit sind etwa 119 Bilderbuchkinos kostenfrei auf Verlagsseiten erhältlich.

Kommentare