"Gute Kinder- und Jugendliteratur sind in heutigen Zeiten wichtiger denn je" - Interview mit Stefanie Leo, Buecherkinder.de

Stefanie Leo. Foto: Sandra Rudel
Ich weiß gar nicht mehr, wie ich Stefanie Leo kennenlernte, wohl über Twitter. Auf jeden Fall kannte ich sie schon, bevor ich dank meiner eigenen Rabaukenbande selber mit Kinderbüchern beschäftigte. Es ist wohl über 4 Jahre her. Sei's drum. Was mir zuerst bei Steffi Leo auffiel, war ihre Quirligkeit, ihr Lachen, ihre Lebensfreude.
Diese Leidenschaft merkt man auch ihrem Kinderbuchportal Buecherkinder.de, das es seit nunmehr 12 Jahren gibt! Was für ein Zeitraum. Letztes Jahr im späten Herbst bekam die Seite ein frisches, neues Zuhause. Anlaß für mich, Stefanie Leo über Kinderbücher, über ihre Erfahrung, über Buecherkinder.de, über E-Books und Apps in der Sparte Kinderbücher und noch vieles mehr zu interviewen.



Für mich wie auch für andere Kinderbuchfreunde bist Du ja das große Vorbild. Du hast vor über 10 Jahren angefangen, Dich mit Kinder- und Jugendbüchern intensiv zu beschäftigen. Erzähl bitte noch einmal Deine Geschichte.
Meine Geschichte ist ja eher unspektakulär. Als gelernte Schriftsetzerin und mit hoher Webaffinität ausgestattet hob ich während meiner Elternzeit (2002) die Webseite aus der Taufe. Dort konnte ich mich sowohl technisch (HTML) als auch inhaltlich (Bilderbücher) austoben. Im ersten Jahr stellte ich mit meinem Nachwuchs erprobte Bilderbücher vor, etwa ein Jahr später kamen dann die ersten Kinder- und Jugendbücher dazu, die ich – auch aus Ermangelung an Zeit – zum Teil von der Zielgruppe selbst bewerten ließ. 2005 gab es den ersten Relaunch mit der Umstellung auf Datenbanktechnologie, der zweite Relaunch ist noch ganz frisch und fand Ende November 2014 statt. Seitdem lassen sich beispielsweise Bücher noch viel besser nach Themen oder Alter ordnen, man kann Verlage, Autoren etc. finden, der Blog ist direkt auf der Seite eingebunden und einen Newsletter wird es auch bald geben. Ich glaube, das kommt auch bei den Nutzern gut an.

Wie viele Kinder- und Jugendbücher hast Du bis jetzt schätzungsweise gelesen?
Ich gehöre zu den – vermutlich wenigen – Lesern, die über Gelesenes nicht Buch führen. Ich besitze mittlerweile einige, wirklich schöne Kladden, um mir Notizen zu den beendeten Büchern zu machen, aber bislang liegen sie ungenutzt im Regal herum. Im vergangenen Jahr habe ich immerhin damit begonnen, ein Fotoalbum bei Facebook mit den gelesenen Büchern zu füllen. Demnach habe ich 2014 rund 50 Kinder- und Jugendbücher gelesen, dazu kamen noch 20 weitere Titel als Jurymitglied des Leipziger Lesekompass. Einige angelesene Bücher habe ich da nicht mitgezählt.


Was ist denn Deine Top 10?
So wie ich nicht zu den Lesern mit ordentlicher Buchführung (siehe vorige Frage) gehöre, bin ich tatsächlich auch kein großer Buchsammler und so etwas wie eine Top 10 existiert bei mir nicht wirklich. Sogenannte Lieblingsbücher, die ich ausgesprochen gerne empfehle, habe ich natürlich. Im Bilderbuchbereich sind das beispielsweise „Der Grüffelo“, „mutig, mutig“, „Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte“. Besonders gerne vorgelesen habe ich die Geschichten von „Latte Igel“, „Das alte Haus“, „Geschichten von der Maus für die Katz“. Die Kinder- und Jugendbücher „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“, „Crazy Dogs“ und „Die Bücherdiebin“ habe ich verschlungen.

Wie sieht denn bei Dir ein Arbeitstag aus?
Mein Arbeitstag beginnt meist zwischen 8 und 9 Uhr. Ich schaue in die Verwaltung der Webseite, ob neue Bücher von der Redaktion bewertet wurden. Diese werden dann kurz von mir überprüft und online gestellt. Anschließend mache ich die Buchempfehlungen für den heutigen Tag fertig, die um 9, 12 und 15 Uhr auf der Facebookseite und zeitversetzt auch bei Twitter und Google+ erscheinen. Die Besprechungsbelege müssen per Mail an die Verlage gesendet werden und Neuerscheinungen in die Datenbank eingepflegt werden. Zwischendurch werfe ich noch einen Blick in die sozialen Netzwerke und sammle beispielsweise interessante Links für meine Blog-Rubrik „Sammelsurium“. Gegen 14 Uhr ist mein Bürotag dann schon zu Ende, denn so langsam erwarte ich meine Kinder Zuhause. Lesen tue ich gerne zwischen 17 und 19 Uhr.

Aus wie vielen Kindern und Jugendlichen bestehen die Buecherkinder?
Rund 50 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 7 und 18 Jahren lesen und bewerten zurzeit als Redaktionsmitglieder aktuelle Bücher. Dazu kommen noch knapp 20 Erwachsene, die – zum Teil mit eigenen Kindern – die Bilderbuchsparte mit ihren Buchkritiken füllen.

Logo der Buecherkinder.de
Kinder und Jugendliche haben einen anderen Blick auf ihre Bücher als Erwachsene. Kannst Du uns da mehr verraten?
Als Erwachsener mit reichlich Lese- und Lebenserfahrung nimmt man Bücher für Kinder und Jugendliche aus einer ganz anderen Perspektive wahr. Ich lese Jugendbücher als Mutter von drei Kindern, wenn es dann in einem Buch wie beispielsweise „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ um Liebe, Krankheit und Tod geht, kann ich meine Muttergefühle nicht ausstellen und erleide den Verlust dann aus dieser Perspektive. Hierbei fällt es mir besonders schwer, mich in die Gefühle der lesenden Jugendlichen hinein zu versetzen. Entscheidend für sie ist sicher, ob sie sich und ihre Lebenswirklichkeit in den Helden ihrer Geschichten, die auch durchaus fantastisch sein können, wiederfinden. Oft entscheidet dieser Bezug, ob ihnen ein Buch gefällt oder nicht.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen bzgl. ihres Leseverhaltens?
Ich glaube, dass es keine Bücher explizit für Mädchen oder Jungs geben muss, denn allein das Thema (Ponyhof, Actionabenteuer), das Geschlecht des Protagonisten und zum Teil die Covergestaltung geben oftmals schon die Richtung für die Zielgruppe vor. Meine Erfahrung ist, dass die Mädchen sich in ihrer Lektürewahl weniger selbst beschneiden. Ihnen ist es egal, ob sie einen Action-Comic-Roman mit zwei männlichen Protagonisten lesen oder nicht. Bei Jungen sieht es schon anders aus, sehen die Bücher zu Mädchen-like aus, werden sie nicht gewählt. Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel.

Was sind heute beliebte Themen bei den Buecherkindern?
Der Fantasy-Boom ist besonders im Jugendbuch nach wie vor ungebrochen. Dazu kommen viele Bücher mit realen Geschichten, die direkt aus dem Leben berichten. Bei den Kinderbüchern sind lustige Geschichten besonders beliebt, bei den Jungs auch gerne mit Comic-Anteil. Was in unserer Redaktion „schlecht“ geht, sind historische Romane, ob das allerdings einen Trend widerspiegelt vermag ich nicht zu berurteilen.

Du bist nun schon so lange dabei. Haben sich in den letzten 10 Jahren die Kinderbücher sehr verändert? Und wenn ja, wie?
Ich finde, dass sich die Verlage heute mehr trauen als vor 10 Jahren. Illustrationen beispielsweise waren früher immer reichlich weichgespült, heute gibt es viel Experimentelles zu bestaunen und es wird durchaus gegen den Strich gebürstet. Mit „Greg“ und „Coolman“ haben Comicromane im großen Stil Einzug gehalten, wie ich finde ganz wunderbar, um Lesemuffel hinter dem Ofen hervorzulocken. Im realistischen Kinder- und Jugendbuch fehlt mir bisweilen die heile Welt, in vielen Geschichten fehlt ein Elternteil (Scheidung oder Tod) und der Hauptdarsteller hat meist irgendein mittelgroßes Problem. Zudem hat die Gewalt im Jugendbuch sehr zugenommen, das gefällt mir überhaupt nicht. Sicher sollen die Bücher an der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen nicht vorbeigehen, aber in Zeiten von Krieg, Terror und Flucht ist es bisweilen auch beruhigend sich in die heile Welt zwischen den Buchdeckeln zurückzuziehen.
Was ich übrigens auch mit Schrecken feststelle, ist, dass die Verlage in Teilen wieder große Gender-Unterscheidungen vornehmen. In meiner Blauäugigkeit hatte ich gedacht, dass wir den Quatsch hinter uns gelassen haben.

Über 8000 Neuerscheinungen gibt es jedes Jahr auf dem Kinderbuchmarkt. Viele Kinderbücher sind nur wenige Jahre erhältlich. Dreht sich das Rad schneller als früher? Was sind die Gründe?
Gefühlt dreht sich das Rad schneller als früher, wenn man allerdings die Statistik bemühen würde, wage ich zu behaupten, dass heute pro Jahr nicht mehr Neuerscheinungen auf den Markt kommen als die Jahre zuvor. Jedoch muss man sich die Frage stellen, ob 8.000 Titel früher wie heute nicht einfach zu viel sind. Ich habe gerade erst zum Thema gebloggt und würde mir getreu dem Motto „Weniger ist manchmal mehr!“ mehr Qualität als Quantität wünschen.

Kinder- und Jugendbücher werden kaum in traditionellen Medien wie große Tageszeitungen besprochen. Wird dieser Literaturbereich unterschätzt?
Definitiv ja! In meinen Augen ist gute Kinder- und Jugendliteratur gerade in heutigen Zeiten wichtiger denn je. Die Kinder und Jugendlichen haben in ihrer Freizeit so viele Möglichkeiten sich zu beschäftigen, da bedarf es schon besonderer Bücher, um sie zum Lesen zu bewegen und bei der Stange zu halten. Und sicherlich gehört gute Kinderliteratur in die Feuilletons großer Zeitungen, allein schon, um deren Wichtigkeit zu unterstreichen. Ich bin jedoch der tiefen Überzeugung, dass Buchbesprechungen im Netz weitaus häufiger gelesen werden, eine höhere Reichweite aufweisen und last but not least die Zielgruppe viel besser erreichen.

Die Webseite Buecherkinder.de nach dem Relaunch
Welche Rolle spielen denn E-Books und Apps bei den Kindern? Sind diese Formate auf den Vormarsch?
Tatsächlich kann ich die Frage nur ganz subjektiv beantworten. Ich selbst lese höchstens Druckfahnen digital und bevorzuge definitiv die „Holzklasse“, schon allein um mir einen Eindruck von Covergestaltung, Papierqualität und Satz zu verschaffen. Leider sind meine Kinder aus dem Alter der Bilderbuch-Apps heraus, ich selbst konnte sie noch nicht richtig für mich entdecken. Erstaunlicherweise haben bislang auch nur wenige Mitglieder der Kinder- und Jugendredaktion die Möglichkeit, Bücher digital zu lesen. Ob diese Formate sich also auf dem Vormarsch befinden, kann ich wirklich nicht beantworten.

Wird es Neuerungen bei den Buecherkindern geben? Können sich Interessierte bei Dir melden und was müssen sie mitbringen?
2014 war das Jahr der Veränderungen. Die Webseite wurde komplett neu gestaltet und die Mitarbeiter der Redaktion haben eine eigene Verwaltung erhalten. Das waren erst einmal genug Neuerungen für ein Jahr. Zurzeit ist also nichts geplant.
Im Moment suche ich keine neuen Testleser. Eine letzte Bewerbungsphase ist gerade abgeschlossen. Wer allerdings Lust an der Mitarbeit hat, sollte regelmäßig im Blog vorbeischauen, da ich dort neue Bewerbungsrunden ankündige.

Zum Schluss: Was wünschst Du Dir für die Kinder- und Jugendbuchkultur?
Am meisten wünsche ich der Kinder- und Jugendbuchkultur, dass sie die Beachtung erfährt, die ihr zusteht. Es wäre toll, wenn Kinder- und Jugendbuch-Autoren und -Illustratoren von ihren Büchern leben könnten, wenn Verlage ihnen genügend Zeit einräumten, sich „schriftstellerisch auszuprobieren, auch über Durststrecken hinweg“, wie Andreas Steinhöfel in seiner Dankesrede nach der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein schriftstellerisches Gesamtwerk forderte. Und natürlich soll die Kinder- und Jugendbuchkultur in allen Medien gebührende Aufmerksamkeit erhalten.

Liebe Steffi, herzlichen Dank für das Interview!

Webseite: www.buecherkinder.de
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Kommentare

  1. Ein sehr interessantes Interview! Ich nehme übrigens auch die Gender-Unterscheidung vermehrt wahr, was mir auch nicht so gefällt. Allerdings ist das irgendwie nicht nur bei Büchern so, sondern auch beim Spielzeug, Klamotten etc... Überall wird alles direkt klar voneinander getrennt, so dass die Kinder selbst kaum eine Wahl haben. Das ist mir zum Beispiel in meiner eigenen Kindheit (auch im Rückblick) nicht so aufgefallen.

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