Freiheit, mystischer Raum und Schutz - die Rolle des Gartens in der Kinderbelletristik


Der Garten ist ein umzäuntes Stück Land, in dem Pflanzen und Tiere gehegt werden. Das Wort leitet sich vom indogermanischen gher und später ghortos, womit lateinisch hortus verwandt ist ab. Die etymologischen Beziehungen reichen zu Gehege, Pferch, Hof. Allen gemein ist der Schutzbegriff gegenüber der "wilden Natur".

Der Garten im Märchen

In den Volksmärchen tritt der Garten als Handlungsort nur vereinzelt auf. Da Volksmärchen ihren erzählerischen Ursprung weit im Mittelalter haben, spielt der Wald als ungebändigte, gefährliche Wildnis eine größere Rolle (beispielsweise "Hänsel und Gretel"). Der Garten ist eben ein vom Menschen gestalteter, angelegter Schutzraum. Er wird mehr zum Ort der Sehnsucht - ein Motiv, das bis heute eine tragende Rolle spielt - auch wenn sich die Motivationsgrundlage gewandelt. hat. So wächst im Garten nebenan in "Rapunzel" der Feldsalat, den die Frau während der Schwangerschaft so sehr begeht, daß ihr Mann letztendlich in diesen Garten eindringt und ihn erntend stehlt. Natürlich hat dies seine Konsequenz, daß sie das Kind, auf das die Eltern so lange gewartet haben, der Hexe als Gegenleistung überbringen muß. In diesem Märchen tritt der Garten explizit auf. Wie das Kind symbolisiert er auch eine Ort mit sehnsuchtsvoller Hoffnung und Begehrlichkeit.
Teile des Gartens, nämlich die Rosenstöcke, spielen im Märchen "Schneeweißchen und Rosenrot" eine besondere Rolle. Sie sind gestutzt, blühen kräftig und sind eine Freude fürs Auge und Herz. Genau so sind auch die beiden Mädchen. Der Garten als Hort der Tugend und Schönheit spielt hier eine Rolle.
Daß der Garten oder seine Teile als Zeitsymbol dienen, liest man im Märchen "Die Rose" von den Gebrüdern Grimm.
Der dänische Dichter und Schriftsteller Hans Christian Andersen wählte den Garten für seine Kunstmärchen häufig als Handlungsorte aus. So spielt der kleine Stadtgarten als Ort der Erinnerung in "Die Schneekönigin" eine gewichtige Rolle. Daß das Glück meist nahe liegt, zeigt der Garten in seinem Märchen "Der Gärtner und die Herrschaft". Es ist der einfache Mann, der Gärnter, der mit Fleiß und Tugendkraft Köstlichkeiten aus seinem Garten hervorbringt. Er weiß mehr als die Herrschaft.
Auch wenn der Garten in Märchen gegenüber anderen Handlungsorten wie den Wald nur wenig vorkommt, so sind schon zahlreiche Motive wie Sehnsucht, Schutz, mystischer Raum, Tugend mit ihm verbunden, die bis heute in der Kinderbelletristik eine Rolle spielen.

Der Garten in der modernen Kinderbelletristik

Der Garten als Abenteuer- und Wildnisort

Traditionelle Motive, die mit dem Garten verbunden werden, tauchen auch heute noch in der modernen Kinderbelletristik auf. So wird er als Schutzraum, als Glücksort, der Zufriedenheit wahrgenommen. Jedoch hat sich eins völlig gewandelt. Ist der Garten in den Volksmärchen gegenüber dem gefährlich-wilden Wald ein befriedeter, sicherer Ort, so wird er heute als Rückzugsort der Kinder für Abenteuer, als gezähmte Wildnis wahrgenommen. Hier spielen die Kinder nach ihrer Fantasie, erleben Natur, matschen, raufen, werden Abenteurer. Gut läßt sich dies in der Möwenweg-Reihe von Kirsten Boie erkennen. Die Siedlung wird neu gebaut, die Gärten sind zunächst noch von den Bautätigkeiten mit Hügeln, viel Erde gekennzeichnet. Und doch lieben die Kinder es, dort zu tollen, sich zu verstecken, zu toben, Schlachten nachzuspielen und sich richtig schön dreckig zu machen.
Daß der Garten gefährlich sein ist, erfahren in Kai Pannens Vorlesebuch "Mach die Biege, Fliege" die beiden ungleichen Freunde, die Spinne Karl-Heinz und die Fliege Bizzy. Sie kennen den Garten nicht, erahnen aber, dorthin gehen zu müssen. Denn er verspricht im tiefsten Herzen Sicherheit. Doch schon der Weg dorthin ist für beide gefährlich und beschwerlich. Allerlei Fremdes erfahren sie, lernen die Gartenbewohner kennen, die ihnen nicht immer wohlwollend entgegenkommen. Der Garten hat für sie Abenteuerliches, Wildes und zugleich auch Verlockendes parat.

Der Garten als mystischer Raum

In der heutigen Kinderbelletristik hat der Garten als mystischer Raum nichts an seiner Popularität verloren. Ihn umgibt etwas Geheimnisvolles, ein Abenteuerort. So wird er in dem Bilderbuch "Der Tiger im Garten" von Lizzy Stewart dank der überreichen Fantasie, zu der im Grunde nur Kinder fähig sind, zu einem Dschungel. Der Garten ist ein unbekannter, mystischer Raum.
Birgit Hedemann nimmt diesen Aspekt in ihrer Kinderbuchreihe "Almas geheimer Garten" noch pointiert auf. Die beiden Cousinen Mette und Theo lockt die Neugierde in einen geheimnisvollen Garten der alten Dame Alma. Als sie ihn zum ersten Mal ungefragt betreten, liegt er verwüstet vor ihnen. Alma beschuldigt sie zuerst, dafür verantwortlich zu sein. Doch dem ist nicht so. Dieser Garten ist sehr besonders. In ihm hat Alma mit ihrem Mann alte Gemüsesorten und Pflanzen bewahrt. Mit einem Tulpenraum begeben sich die beiden Kinder in den verschiedenen Bänden auf die Zeitreise, um Samen der alten Sorten zu holen und sie neu in Almas Garten auszupflanzen. Nur so können sie gerettet werden. Magisch-Geheimnnisvolles umwebt Almas Garten. Er ist darüber hinaus ein Schutzraum für alte Sorten, ein Aspekt des Naturschutzes, das Hedemann geschickt einflechtet.
Geheimnisvoll ist auch der Garten in Petronella-Apfelmus-Bänden von Sabine Städing. Die Apfelhexe lebt in einem alten Obstgarten. Sie spielt im Gefüge des Zusammenlebens der verschiedenen Gartenbewohner eine ausgleichende Rolle. In diesem Sinne der Gerechtigkeit erleben die beiden Kinder Lea und Luis mit ihr zahlreiche Abenteuer.

Der Garten als Ort des Glücks

Vor allem im Vorlesebuch-Bereich erscheint der Garten als Hort des Glücks und der Zufriedenheit, oft verbunden mit einem Hauch Magie. Stefanie Dahle läßt ihre kleine Fee Erdbeerinchen Erdbeerfee in einem Erdbeerfeld wohnen. Meist ist der Ort idyllisch - Zufriedenheit ausstrahlend, ihre Freunde beherbergend, alles ist vorhanden. In den kleinen und großen Abenteuern wird dieses Glück kurzzeitig gestört, doch Erdbeerinchen schafft es, die Ordnung wiederherzustellen. Das Fantastische ist dabei die Erschaffung einer kleinen, magischen Welt in Miniaturformat in einem Garten. Ein reizvoller Gedanke und Kinderbuchmotiv.
Auch die beiden Wichtel Pippa und Pelle von Daniela Drescher erleben ihren Garten als Ort des Glücks und der Zufriedenheit. Das Miniaturhafte spielt hier mit einem wertschätzenden Blick auf und Umgang mit der Natur eine wichtige Rolle.

Der Garten als Ort der Naturerfahrung und der Gemeinschaft

Natürlich erfahren auch in der Kinderbelletristik die Figuren den Ort als eine gewichtige Möglichkeit, die Natur und ihre Wunder zu erfahren. So lernen die Mäusegeschwister in dem Bilderbuch "Familie Maus im Garten" von Kazuo Iwamura das Geheimnis, wie aus einem Samenkorn ein Kürbis wird. Sie müssen das Beet selbst vorbereiten, säen den Samen, lernen, Geduld zu üben und sehen und Ernten das Ergebnis. Durch die Vermenschlichung der Handlung entsteht der reizvolle Zauber des Bilderbuches. Kazuo Iwamura bleibt jedoch bei seiner Geschichte an den realistischen Begebenheiten.
Gartenarbeit und die Einflüsse spielen auch bei Sven Nordqvist und der Petterson-Findus-Reihe hin und wieder eine Rolle, so im Bilderbuch "Aufruhr im Gemüsebeet". Doch mehr als die realistisch dargestellte Gartenarbeit spielt der Garten als Ort des Lebens miteinander, der Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Die Hühner wollen ebenso in den Garten, jedoch ihre Motiv - Samenkörner picken - steht im Gegensatz zu Pettersons Ziel, das Gemüsebeet zu bestellen. Sie müssen nun einen Kompromiß in ihrem Zusammenleben finden.

Kommentare

  1. Huhu!

    Ein wunderbare Beitrag! Über die Rolle des Gartens in der Literatur habe ich noch nie näher nachgedacht, aber das ist alles sehr interessant! Mir kam als erstes "Der geheime Garten" von Frances Hodgson Burnett in den Sinn, wo der Garten, wenn ich jetzt darüber nachdenke, ja auch etwas sehr Symbolisches hat.

    Bei deiner Beschreibung von "Almas geheimer Garten" musste ich direkt daran denken, dass mir als Kind so etwas Ähnliches passiert ist... Ich kam an einem offenen Gartentor vorbei, betrat den Garten neugierig, und da kam ein alter Herr angeschossen, packte mich am Arm und schrie, jetzt hätte er ja endlich den Schuldigen! Anscheinend hatte in seinem Garten jemand Blumen ausgerissen und Äste abgeknickt.

    Leider hat er mir nicht geglaubt, dass ich es nicht gewesen war, und so blieb mir letztlich nur die Flucht!

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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    1. Hallo Mikka,das Erlebnis klingt tatsächlich wie bei Alma, so ein Zufall. Den geheimen Garten kenne ich als Hörspiel, der Garten als Ort einer glücklichen Liebe und Zeit, verbunden mit Sehnsucht, weil er vergangen war und aufgrund des Schmerzes verschlossen ist. Unverarbeitete Vergangenheit.... Danke fürs Verlinken! Herzliche Grüße

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