Ab 6 Jahre: Christiane Tilly, Anja Offermann - Mama, Mia und das Schleuderprogramm

Foto: W. Bönisch
Inhalt:
Mia kann sich oft das Verhalten ihrer Mutter nicht erklären und fühlt sich dann zurückgesetzt. Oft telefoniert ihre Mutter, nimmt Mia anscheinend gar nicht wahr, verspricht gemeinsame Zeit wie ein Kirmesbesuch, um sie dann vorher wieder abzusagen. Mia ist enttäuscht und fühlt sich zurückgesetzt. Ihre Mutter leidet unter Borderline. Was ist mit ihr los? Wer kann ihrer Mutter und Mia helfen?


Meinung:
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung zeichnet sich u. a. durch Gefühlschaos, Impulsivität, Instabilität hinsichtlich der eigenen Persönlichkeit und in Beziehung zu anderen aus. Oft kommt gefahr- und risikoreiches Verhalten hinzu, die sich zu einer Sucht entwickeln können. Zu schnelles Autofahren sei hier als Beispiel genannt. Selbstverletzungen bis zu Versuchen der Selbstötungen sind mit dem Krankheitsbild verbunden. Komplex ist sind die Symptome dieser Persönlichkeitsstörung. Christiane Tilly und Anja Offermann setzen sich mit diesem Thema in ihrem Bilderbuch "Mama, Mia und das Schleuderprogramm" auseinander, das 2013 iin 2. Auflage im Kölner Balance Verlag erschienen ist. Ziel dieses Buches ist es, Kinder von betroffenen Eltern/Angehörigen eine literarische und zugleich sachlich korrekte Handreichung zum Verständnis der Erkrankung zu geben. Kinder sollen also versehen, was da vor sich geht, auch um eigene Gefühle besser einordnen zu können, die Situation zu verstehen und ggf. Hilfe zu suchen.
Es ist ein großer Anspruch, den sich die beiden Autorinnen bei dem Thema stellen. Eine komplexe Erkrankung müssen sie kindgerecht erklären, die selbst für Erwachsene nicht einfach zu verstehen ist. Anhand Mias Geschichte wollen sie nun Borderline erklären. Mia ist ein größeres Mädchen, vielleicht Vorschülerin. Sie versteht oft ihre Mutter nicht, die extreme Gefühlsschwankungen hat, Versprechen wie ein Kirmesbesuch nicht einhält, Mia scheinbar nicht wahrnimmt, sich selbst verletzt. Mia fühlt sich durch das Verhalten ihrer Mutter zurückgesetzt. Sie kann die Gefühlsschwankungen nicht einordnen. Das gebrochene Versprechen, gemeinsam die Kirmes zu besuchen, ist der Höhepunkt in der Geschichte. Die Mutter verletzt sich selbst, sie muß sich Hilfe suchen.
Foto: W. Bönisch
Gelingt es den Autorinnen, Borderline verständlich zu erklären? Bedingt, was an der Komplexität der Erkrankung wohl liegt. Die Gefühlsschwankungen der Mutter wird gut deutlich, auch das Vernachlässigen der eigenen Tochter, die viel auf sich allein gestellt ist. Jedoch gibt es Situationsbeschreibungen, die in der Luft hängen. Ständig telefoniert die Mutter. Mit wem und warum wird nicht erklärt. Darüberhinaus steht das Ende der Geschichte in nur losem Zusammenhang mit den vorherigen Ereignissen. Urplötzlich erscheint eine Ärztin, die mit der Symbolik Schleuderprogramm Mia Borderline erklären möchte. Dann wird nur angedeutet, daß alle drei Figuren noch viel besprechen. Was, wird jedoch verschwiegen und auch später nicht ausgeführt. Ebenso verhält es sich mit der Figur der Jugendamtsmitarbeiterin. Insgesamt ist der Plot nicht stringent. Es gibt zu viele Andeutungen, die nicht ausgeführt werden, aber scheinbar wichtig für die Therapie sind. Jedoch hilft dieser Weg den betroffenen Kindern als Leser wenig, macht das Ganze nicht rund und läßt zu viele Fragen offen. Auch die Beziehungen zwischen den Figuren erscheint in ihrer Bedeutung für den Plot zufällig, nicht auf die Aussage des Buches wirklich zugeschnitten.
Sprachlich besteht eine Diskrepanz zwischen der anvisierten Leserschaft (Kinder ab 6 Jahre) und dem Textniveau. Letzteres ist mehr auf Kindergartenkinder zugeschnitten. Auch hier klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung.
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Letztlich ist das Symbol des Schleuderprogramms ein guter Ansatz zur Erklärung für Borderline, jedoch eben nur ein Ansatz. Zu viele Fragen bleiben nach der Lektüre offen.
Mit farbigen Zeichnungen mit Malelementen, die die Emotionalität gut aufnehmen und widergeben, schafft es Anika Merten, die Buchidee graphisch gut umzusetzen. Die Bilder helfen, den Plot zusammenzuhalten. Meist fokussiert sie den Blick auf die handelnden Figuren. Weitere Details werden nur soweit wie nötig in die Szene eingebaut.
Am Ende bleibt nach der Lektüre des Bilderbuchs "Mama, Mia und das Schleuderprogramm" von Christiane Tilly und Anja Offermann ein leicht unbefriedigendes, ratloses Gefühl zurück. Eine stringentere Plotführung im Text hätte dem Buch mehr Schärfe gegeben. Denn die Buchidee "Schleuderprogramm" ist ein wunderbarer Ansatz, Kindern bildlich Borderline greifbar zu machen.
Christiane Tilly, Anja Offermann: Mama, Mia und das Schleuderprogramm
Balance Verlag, Köln 2013, 2. Aufl.
ISBN: 978-3867390750
Illustration: Anika Merten
Ausstattung: 40 Seiten, Hardcover
Preis: 12,95 €
Vom Verlag empfohlenes Lesealter: ab 6 Jahre 

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