Ab 4 Jahre: William Joyce - Wie die Farben in die Welt kamen

Foto: W. Bönisch
Inhalt:
In einem Land gab es zu einer Zeit nur Zahlen. Alles war Zahlen: die Städte, die Länder, das Essen. Alles war geordnet, doch irgendwie auch langweilig. Bis sich fünf Freunde entschlossen, Neues zu schaffen.


Meinung:
Schlägt man William Joyce "Wie die Farben in die Welt kamen" auf, dann ist man ob er Pompösität überrascht. Man fühlt sich in einen dieser typischen auftrumpfenden Hollywoodfilme hineinversetzt. Um was geht es überhaupt in diesem Bilderbuch für Kinder ab 4 Jahre, das 2015 im Kölner Boje Verlag erschienen ist?
Foto: W. Bönisch
Die Geschichte spielt in einer nicht näher definierten Zeit an einem ebensolchen Ort. Auffällig ist, daß alles aus Zahlen besteht - die Länder, die Städte, die Lebewesen, das Essen. Alles ist grau, einheitlich, geordnet. Es gibt keine Abweichung. Alles sieht gleich aus. Übrigens fehlt auch jegliche Natur. Eines Tages beschließen nun fünf Freunde, die sich bei genauerem Hinsehen doch ein ganz wenig unterscheiden, daß etwas Neues, Anderes geschaffen werden muß. Es darf nicht so grau-einheitlich bleiben. Sie machen sich nun an die Arbeit und schaffen... ganz genau. Der Titel verrät es im Ansatz, aber nicht alles. Denn es geht nicht nur um Farben, sondern auch um die Möglichkeit, ein jegliches Ding mit Wörtern zu bezeichnen.
Foto: W. Bönisch
Die Buchidee dreht sich um zwei Ideen, die eng miteinander verflochten sind. Zum einen geht es um die Buchstaben als Voraussetzung, Wörter, Bezeichnungen zu schaffen. Zum anderen geht es um Individualität, die sich erst mit einer eigenen Bezeichnung schafft. Theatralisch, dramatisch wie in einem Film erzählt Joyce von seiner Buchidee. Hier fließt all sein Können als Filmemacher ein. Er weiß genau, welcher Effekt welche Emotion erzielt. Dabei ist seine Erzählung auf wenige Sätze absolut reduziert.
Foto: W. Bönisch
Christina Ellis schuf die Illustrationen dazu, die völlig das Dramatisch-Filmische aufnehmen. Anspielungen auf Filmzitate erkennen Erwachsene sofort. Metropolis kommt in den Sinn. Die Geschichte spielt sich in einer Stadt mit riesigen, amerikanisch aussehenden Hochhäusern ab. Eine Armee an Wesen marschiert grau durchs Bild, immer nahe am Abgrund. Alle sehen gleich aus. Sie schauen grimmig, traurig, entmutigt. Im Hintergrund sind riesige Zahlen zu sehen. Eine unheimliche Stimmung kommt auf. Bühnenartig von unten fokussiert rücken die fünf Freunde ins Bild. Man erkennt sofort ihre Entschlossenheit, Neues zu schaffen. Szenisch-dramatisch entsteht die Sensation. Den Mut der fünf Freunde zeigt sich in ihrer klammheimlichen Flucht in einem überdimensionierten Raum. Elektrizität steht als Symbol für die Erschaffung. Eine nicht nähere, riesige Maschine ist das Werkzeug dafür, an der sich die Freunde mit Seilen fortbewegen müssen. Und in dieses Grau kommt allmählich die Farbe.



Die Illustrationen basieren auf das Übertriebene in der Einheitlichkeit des Graus, in der Monumentalität der Gebäude, in der Masser der emotionslosen Arbeiterwesen, in dem Mut der Freunde. Das sehr breite Format des Buches und der Wechsel zwischen Vertikalität und Horizontalität in der Betrachtung verstärken den Effekt. Die Handhabung, das ständige Drehen ist dann schon manchmal sehr lästig und für Kinder eher ungeeignet.
William Joyce "Wie die Farben kommen" ist kein erzählendes Bilderbuch im klassischen Sinne. Es ist ein in Buchform gegossener Hollywoodfilm mit all seinen typischen Übertreibungen. Natürlich erstaunt es im ersten Moment, kann aber dann schon gehörig nerven. Es ist tatsächlich kein Bilderbuch für jedes Kind, sondern mehr ein Experiment für Erwachsene. Schade drum.

William Joyce: Wie die Farben in die Welt kamen
Boje Verlag, Köln 2015
ISBN: 978-3414824134
Illustration: Christina Ellis
Übersetzung: Aus dem Amerikanischen von Hardy Krüger Jr.
Ausstattung: 56 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Preis: 14,99 €

Vom Verlag empfohlenes Lesealter: ab 4 Jahre

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