Gute Kinderbücher zu seelischen Nöten - Interview mit Verleger York Bieger zu kids in Balance

Webseite des Balance Verlages
Das erste Kinderbuch, das ich in den Händen aus dem Balance Verlag hatte, beeindruckte mich sofort. Ein kleines Mädchen möchte in "Jette sagt nicht immer ja" von Ilona Lammertink in ihr unangenehmen Situationen nicht immer ja sagen, was sie dann doch tut. Wie kann Jette Neinsagen lernen?
Empathisch und die Situation so trefflich stellt die Autorin Lammertink die Situation dar. Ich wurde neugierig auf den Verlag. Welche Bücher publiziert er noch? Ich staunte, als ich mir das Buchprogramm anschaute. Die Kinderbücher sind keine leichte Lektürekost. Schwere Themen wie depressive Erkrankungen von Eltern, Autismus, seelische Nöte bei Geschwistern stehen im Mittelpunkt der Kinderbuchreihe kids in balance.
Gute Kinderbücher zu diesen Themen sind rar. Neugierig bat ich den Verlager, Herrn York Bieger, mir mehr über seinen Verlag und die Kinderbücher zu erzählen. Lesen Sie es und schauen Sie sich die Kinderbücher an. Sie werden staunen, nachdenken, begreifen.

Lieber Herr Bieger, bitte stellen Sie sich und Ihren Balance Verlag zuerst vor.
Der BALANCE buch + medien verlag wurde 2007 als Verlag für qualifizierte Ratgeber zum Themenbereich seelische Gesundheit gegründet. Neben fundierten Ratgebern werden Erfahrungsliteratur, Sach- und Fachbücher verlegt. Seit 2008 erscheinen in der Reihe »Kids in Balance« auch Kinderbücher. Die Besonderheit der Balance-Bücher liegt in der Perspektive der Autorinnen und Autoren: Während üblicherweise Ärzte oder Psychologen aus ihrer professionellen Sicht »Rat« geben, bemühen wir uns in unseren Büchern um ein gleichberechtigtes Miteinander der Perspektiven und Erfahrungen aus Sicht der betroffenen Menschen, ihrer Angehörigen und der professionellen Helfer. In der modernen Sozialpsychiatrie nennt man so etwas »Trialog«.
Da kann ich auch gleich die persönliche Vorstellung anschließen, um die Sie baten: sowohl unsere Lektorinnen als auch ich selber betreiben teilweise seit Anfang der 1990er Jahre einen sozialpsychiatrischen Fachverlag.


Für was steht der Verlagsname?
Die Psyche oder die Seele ist nichts Starres und schon gar keine Einbahnstraße, die einem einfachen Ursache-Wirkungsprinzip folgt. Der Mensch ist ein biologisches und ein soziales Wesen, Gehirn, seelische und körperliche Gesundheit sind entsprechend sowohl körperlich als auch sozial bedingt. Kurz: Wir alle finden so oder so unsere Balance im Leben, mal mehr, mal weniger. Wir versuchen mit unseren Büchern ein bisschen mitzuhelfen, diese Balance zu finden.

Kids in Balance ist die Kinderbuchreihe des Verlages. Sie wollen Kindern psychische Krisen mit ihren Büchern erklären. Was braucht ein solches Kinderbuch?
Empathie, pädagogische und psychologische Klugheit, Fachwissen, Klarheit, Erfahrung, am besten eigene. Und zwar alles zusammen. Kommt leider in freier Wildbahn leider selten vor. Jetzt wissen Sie auch, warum wir so manches Thema nicht abgedeckt haben.

An wen richten sich die Kinderbücher? Wie hoch ist der Bedarf an solchen speziellen Kinderbüchern?
Vor allem natürlich an die Kinder selber. Man hat sie lange völlig vergessen – ihr Leiden unter den psychischen Erkrankungen von Mutter, Vater oder Geschwistern ignoriert. Und dieses Leiden ist häufig nicht geringer als das Leid an der Krankheit selber – mit der Folge eigener psychischer Erkrankung. Wenn man überlegt, dass ein Viertel der Menschen irgendwann in ihrem Leben in schwere seelische Not geraten, kann man sich ausrechnen, wie viele Kinder von den Auswirkungen betroffen sind.
Als wir 2008 das Experiment »Kinderbuch« wagten, waren wir selber sehr unsicher. Aber das Manuskript – es war »Mamas Monster«, die Geschichte von Rieke und ihrer depressionskranken Mutter – hat uns überzeugt. Die Autorin erzählt ihre eigenen Erfahrungen. Das Buch ist seither ein Bestseller mit vielen Tausend Exemplaren. Und es ist nicht allein geblieben.

"Mein großer Bruder Matti" von Anja Freudiger. Foto: W. Bönisch
Die Themen von kids in Balance sind keine leichte Lektürekost. Was ist der Schlüssel, Kindern einerseits psychische Erkrankungen zu erläutern, andererseits sie nicht zu verängstigen? Wie kann Sprache und Illustration dabei helfen?
Für mich heißt der Schlüssel »ernst nehmen«. Nicht über das Problem reden, sondern die Situation treffen, sowohl die der Kinder als auch die der erkrankten Personen. Nicht erklären, sondern »mit den Kindern sein«. Nicht romantisieren, aber mit Liebe und Humor arbeiten, mit Gesichtern. Das schließt für uns beispielsweise die Verlagerung der Geschichte in die Tierwelt aus.

Welche Themen wird es in nächster Zeit geben?
Im nächsten Kinderbuch erzählt der kleine Bertil, wie es ist, wenn die Mama lange im Krankenhaus bleiben muss und wie er es schafft, dass er sie trotzdem immer ein wenig bei sich hat.

Kids in Balance erscheinen hauptsächlich gedruckt. Würden Sie die Kinderbücher auch als E-Book publizieren?
Auf absehbare Zeit sehe ich diese Perspektive nicht. Diese Bücher müssen mit den Kindern gemeinsam angeschaut und vorgelesen werden, die Geschichten dienen ja dazu, die eigene Situation zu reflektieren auf kindgemäße Weise. Ebooks sind eher keine Gemeinschaftserlebnisse. Zudem ist die Zielgruppe noch sehr jung, es fängt bereits mit drei Jahren an.

Zum Schluß: was bedeutet für Sie ein gutes Kinderbuch?
Freude an Bild und Sprache, Emotion, Phantasie, Weiterspinnen, Lust auf mehr.

Herzlichen Dank, lieber Herr Bieger, für das interessante Interview!  Ich wünsche Ihnen, dem Verlag und den Autoren weiterhin ein gutes Händchen für diese wichtige Kinderbuchreihe. Den betroffenen Kindern wünsche ich, daß sie mit den Büchern die Situation besser begreifen und mit ihr umgehen können.

 

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