Über Kunst für Kinder, das Schreiben und die Bedeutung von Kinderbüchern - Interview mit Kinderbuchautorin Brigitte Nalenz

Kinderbuchautorin Brigitte Nalenz. Foto: privat
Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem ersten Kinderbuch „Ulrich Schlupf und Friedrich Tümpel. Freunde“. Bei diesem Bilderbuch geht es um außergewöhnliche Freundschaften. Wie sind Sie auf die Buchidee und die beiden sympathischen Figuren gekommen? 
Für mich war es immer wichtig, im Umgang mit anderen Menschen keine Unterschiede zu machen. Ich finde es sehr schwierig, mit Menschen umzugehen, die Vorurteile haben. Ich möchte auch, dass man mich zunächst einmal so nimmt, wie ich bin und kennenlernt. Man muss nicht gleich Freundschaften schließen. Aber man kann dem Anderen eine Chance geben. Das habe ich unseren Kindern schon früh vermitteln wollen.
Meine Geschichte von Ulrich und Friedrich war da sehr hilfreich. Gerade weil Katze und Maus (und Hund) so unterschiedlich sind, konnte ich das Andersartige gut herausarbeiten. Die Geschichte in einfacher Form ist vor vielen Jahren entstanden. Unsere Enkelkinder waren der Grund, weshalb ich sie gerade jetzt als Kinderbuch veröffentlicht habe. Sie sind 2, 4 und 7 Jahre alt und jetzt in dem Alter, wo sie die Geschichte verstehen können.


Wie lange hat denn das Schreiben gedauert? 
Dass ich die Geschichte vor vielen Jahren geschrieben habe, hatte ich schon angedeutet. Im letzten Jahr habe ich sie dann überarbeitet und noch etwas mehr Spannung hinein gebracht. Einzelne Worte habe ich immer wieder verändert. Den Schluss habe ich total verändert. Jetzt können die Kinder sich selbst die weitere Entwicklung dieser Freundschaft ausdenken und überlegen, ob Theo Schwupps auch ein Freund werden wird.

Bei Ihrem Bilderbuch handelt es sich um ein Kinder-Künstlerbuch. Die Illustrationen stammen vom Künstler Anton Paul Kammerer. Es spricht viel Mut, heute so ein Kinderbuch zu veröffentlichen. Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit?
Ich hatte bisher das große Glück, viele meiner Ideen in meinem Leben verwirklichen zu können.
Dazu hat mein Mann maßgeblich beigetragen und mich immer sehr unterstützt. Was das Buch betrifft, haben mich auch meine Kinder dadurch motiviert, dass sie nie an diesem Buch gezweifelt haben. All das hat dazu beigetragen, die Veröffentlichung zu wagen. Die größte Hürde bei der Veröffentlichung des Buches war die Illustration. Es sollte ein Kinderbuch mit Bildern, kein Vorlesebuch werden.
Christine Bitterlich von c. b. Kunst &Kontakte aus Frauenberg bei Idar Oberstein, arbeitet mit Künstlern aus dem Großraum Dresden-Leipzig-Chemnitz zusammen und kennt die Künstler seit vielen Jahren persönlich. Sie ist eine gute Bekannte von mir und hat auf meinen Wunsch den Kontakt zu einem Künstler gesucht, der bereit war, das Buch zu illustrieren. Spontan fiel ihr Anton Paul Kammerer ein. Sie kannte ja seine Bilder. Die ganze Kommunikation, z. B. hinsichtlich meiner Wünsche zur Zuordnung der Bilder zum Text lief über sie.

Hatte der Künstler freie Hand bei der Gestaltung? Wie war seine Reaktion auf die Geschichte?
Zunächst hat Frau Bitterlich Herrn Kammerer kontaktiert und ihm die Idee von der Illustration eines Buches vorgeschlagen. Er war offen für diese Idee, wollte aber zunächst den Text lesen. Die Geschichte gefiel ihm. Er war der Meinung, dass auch Erwachsene noch aus dieser Geschichte lernen können. Die Idee, ein Kinder-Künstlerbuch zu produzieren und Kindern somit ganz früh erste Kontakte zur Kunst zu ermöglichen, hat uns alle gefesselt. Nach ca. drei Monaten erhielt ich die ersten Skizzen. Ich war begeistert und überlegte mir, wie viele Bilder das Buch bekommen sollte und zu welchen Szenen. Zwei Monate später bekam ich neun wunderschöne Zeichnungen. Ich habe alle Zeichnungen zu einem Bild rahmen lassen, dass nun bei mir zu Hause steht.
Anton Paul Kammerer habe ich bisher leider noch nicht persönlich kennengelernt.

Foto: W. Bönisch
Wie sind denn die bisherigen Reaktionen der Leser? Gibt es Unterschiede zwischen den Meinungen der Kinder und der Erwachsenen?
Ich habe viele positive Reaktionen sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern bekommen. Auch wenn die Bilder nicht sehr bunt sind, sprechen sie die Kinder an. Sie betrachten die Bilder oft sehr lange und bekommen dann schnell einen Bezug zu den wirklich liebevoll gezeichneten Figuren. Erwachsene fühlen sich gelegentlich an ihre alten Kinderbücher erinnert. Für mich ist es sehr beeindruckend, wenn Kinder die Figuren beim Namen nennen. Sie erwachen plötzlich zum Leben. Viele Erwachsene sagen mir, dass sie selbst noch Freude an der Geschichte haben. Ich habe aber auch schon etwas anderes gehört: ein Buchladen hat das Buch abgelehnt, weil die Geschichte unrealistisch sei. „Eine Maus und eine Katze, die sich verstehen? Das geht gar nicht.“ Da wäre es auch zwecklos gewesen zu diskutieren.
Ich werde noch vor Weihnachten in einer Grundschule und in einer Bibliothek das Buch vorlesen und freue mich sehr darauf. Es ist schön, die Kinder zu beobachten, wenn sie mit Spannung meiner Geschichte folgen.

Ihr Buch hat Eingang in die Kindergärten gefunden. Wird es dort als Anreiz zur Beschäftigung mit Kunst genommen?
Wenn ich das Buch bei Erzieher/Innen vorstelle, betone ich natürlich, dass es sich um ein Künstler-Kinderbuch handelt und was unser Anliegen ist.
Aber jedes Kind, das sich das Buch anschaut, betrachtet die künstlerisch gestalteten Bilder und kann seiner Phantasie freien Lauf lassen. Es befasst sich in dem Moment mit Kunst. Man muss es nicht gezielt darauf aufmerksam machen.

Foto: W. Bönisch
Wird es einen Fortsetzungsband geben?
Das Buch hat ein offenes Ende. Deswegen wäre eine Fortsetzung theoretisch möglich.
Ich persönlich möchte aber erst einmal die Entwicklung dieses Buches abwarten. Ich habe schon viele positive Reaktionen erlebt, und es gab einige schöne Begegnungen dadurch. Aber ich bin auch Realistin. Ich stecke meine Ziele nicht zu hoch und freue mich über jeden weiteren Schritt. Wie zum Beispiel über dieses Interview .

Vielen Dank :-). Könnten Sie sich vorstellen, so ein Buch auch als E-Book zu publizieren?
Meiner Ansicht nach wäre es dann kein Künstler-Kinderbuch mehr.
Es ist richtig, Kinder früh mit Medien aller Art in Kontakt zu bringen. Mir fällt der Umgang mit den neuen Medien heute nicht so leicht, und ich stelle fest, dass es sehr wichtig ist, sich hier zu Recht zu finden. Bei Kinderbüchern allerdings komme ich da etwas in Konflikte. Ich würde ein Kinderbuch als E-Book niemals ablehnen. Meine Geschichte könnte ich mir durchaus als digitales Buch vorstellen, aber nicht in Zusammenhang mit den Bildern. Diese würden womöglich an Wirkung verlieren. Zu einem digitalen Kinderbuch würde ich auch nur ausnahmsweise greifen. Ein Kinderbuch in der Hand zu halten, hat für mich einen anderen Wert. Es kann eine Atmosphäre schaffen, die mit einem E-Book nicht erreicht werden kann.

Wie empfinden Sie den heutigen Kinderbuchmarkt mit seinen jährlich über 8000 Neuerscheinungen?
Ja, das ist schon eine Menge. Aber ich bin diesmal auch dabei.
Es gibt so unterschiedliche Menschen und Interessen. Jeder der mag und kann, sollte die Chance haben, seine Ideen umzusetzen. Der Leser entscheidet was ihm gefällt.

Foto: W. Bönisch
Sie sind ja schon Großmutter. Haben sich die Kinderbücher verändert? Inwiefern?
Als ich Kind war gab es noch nicht so viele Kinderbücher. Die, die es gab waren einfach gestaltet, oft waren nur Bilder aus dem Alltag zu sehen. Als unsere Kinder klein waren, stand schon eine sehr große Auswahl von Kinderbüchern zur Verfügung. „Die kleine Raupe Nimmersatt,“ „ Der kleine Käfer Immerfrech“ von Eric Carle, die Bücher „ Swimmy“ und „Frederick“ von Leo Lionni sowie Helme Heines „Freunde“ wurde damals veröffentlicht und waren etwas ganz Neues. Die Bilder waren moderner, bunter. Der Inhalt des Buches etwas ganz Anderes. Heute wird über alles geschrieben. Und Kinder sind ja auch an vielem interessiert. Autoren und Illustratoren dürfen Ihrer Phantasie freien Lauf lassen und das finde ich sehr schön. Nur so kann auch etwas völlig Neues entstehen. Vor 30 Jahren wäre wahrscheinlich noch niemand auf die Idee gekommen so ein Kinderbuch zu schreiben wie: „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“. Das Buch ist von Werner Holzwarth und Wolf Erlbruch.Ich finde es toll, aber an solche Themen hat man da noch nicht gedacht.

Vermehrt hört man Klagen, Kinder würden zu wenig lesen. Wie führt man Kindern die Literatur am besten heran? Wie haben Sie es mit Ihren Kindern und Enkelkindern gemacht?
Wir haben vorgelesen, Bücher angesehen. Wir sind in die Bücherei gegangen und haben Bücher gemeinsam ausgewählt. Die Gutenachtgeschichte war selbstverständlich. Beim Vorlesen oder Betrachten von Kinderbüchern muss man aber auch als Erwachsener Freude haben, dadurch schafft man eigentlich eine Atmosphäre, die jedes Kind mag.
Kinderbücher kosten viel Geld. Eine Kinderbibliothek, in der man sehr kostengünstig Bücher leihen kann, gibt es sicher in jeder Stadt. Auch auf Flohmärkten werden heute wertvolle Kinderbücher günstig angeboten. Man kann Bücher untereinander tauschen. Oder Bücher selber gestalten, wie in einen Kinderbücherblog kürzlich zu lesen war.
Es gibt so viele Möglichkeiten an Bücher zu kommen. Eltern müssen das Interesse wecken und fördern, nicht auf Kindergarten und Schule warten. Diese Dinge müssen auch zu Hause stattfinden und schon früh. Unsere Kinder haben, als sie klein waren, auch die Sesamstrasse gesehen. Aber davor und danach war der Fernseher aus. Sicher gab es auch mal Ausnahmen, aber eben auch die Regel. Unsere Enkelkinder lieben Bücher genauso wie Ihre Eltern.

Liebe Frau Nalenz, recht herzlichen Dank für das schöne Interview. Ich wünsche Ihnen alles Gute und Ihrem wunderbaren Kinderbuch viele neugierige, begeisterte Leser! 

Brigitte Nalenz: Ulrich Schlupf und Friedrich Tümpel. Freunde
Typostudio Schumacher-Gebler Gmbh, Dresden 2014
ISBN: 978-3941209305
Illustration: Anton Paul Kammerer
Ausstattung: 20 Seiten
Preis: 15,95 €
Vom Verlag empfohlenes Lesealter: ab 3 Jahre

Meine Rezension zum Buch finden Sie hier: http://kinderbibliothek.blogspot.de/2014/10/ab-3-jahre-brigitte-nalenz-ulrich.html

Facebook-Seite zum Buch

Auf dem Kinderbuchblog Geschichtenwolke erschien vor ein paar Tagen ein weiteres Interview mit Brigitte Nalenz.

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Kommentare

  1. Ein sehr interessantes Interview! Merkwürdig finde ich die Reaktion der Buchhandlung, die das Buch abgelehnt hat. Erstens ist es doch gerade das Schöne, dass hier Tiere befreundet sind, von denen man das gar nicht annehmen würde und zweitens muss Literatur doch auch nicht immer realistisch sein... Übrigens gibt es bei dem Sticker-Sammelalbum von Aldi Süd (eigentlich finde ich diese Sammelsachen von Geschäften ja blöd, aber wenn man es beim Einkauf dazu bekommt, nimmt man es dann ja doch mit...) eine ganze Seite mit Fotos von ungewöhnlichen Tierfreundschaften! Da wundert man sich auch, welche Tiere sich miteinander verstehen, aber sie tun es und es ist die Realität! :-)

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  2. Wir haben hier Aldi Nord. Ich weiß gar nicht, ob es da auch so ein Stickeralbum gibt... Noch spielen die hier überhaupt keine Rolle. Aber ich werde mal die Tage über ein Stickeralbum für Kinderbuchfreunde berichten ;-)

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    1. Oh, über das von den Kinderbuchhelden? Bei dem man die Sticker in der Buchhandlung bekommt? Da muss ich ja einfach zu geben, dass ich dieses Stickeralbum einfach haben MUSSTE ;-) Es ist auch schon gut gefüllt... :-)

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